Stefan Fritschi
duelliert sich gegen Kaspar Bopp um das Amt des Stadtpräsidenten.
Beim 16. Internationalen Concours Géza Anda 2024 in Zürich gewann Ilya Shmukler den ersten Preis der Jury, den Preis des Publikums und eine Auszeichnung des Musikkollegiums Winterthur für die beste Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 17 in G-Dur, K. 453 von Wolfgang Amadeus Mozart. Bild: Andrej Grilc
Für sein malerisches Zusammenspiel mit Orchester erhielt der Pianist Ilya Shmukler eine Auszeichnung des Musikkollegiums Winterthur.
Konzert Beim persönlichen Gespräch in Winterthur erzählt der Preisträger, dass er es kaum wagte, sich für den Géza-Anda-Wettbewerb anzumelden, warum sich dieser mit den Olympischen Spielen vergleichen lässt und warum er sich auf das Konzert am 6. März in Winterthur freut.
Sie gingen 2024 als klarer Sieger aus dem 16. Internationalen Géza-Anda-Wettbewerb in Zürich hervor, die Frankfurter Allgemeine Zeitung schwärmte danach von Ihrem Klavierspiel. Haben Sie erwartet, diesen Preis zu gewinnen?
Ilya Shmukler: Nein, eigentlich war es ein Zufall. Da ich kurz zuvor an einem anderen Wettbewerb schlecht abschlossen hatte, befand ich mich in einer niedergeschlagenen Stimmung. Meine Freundin und ein guter Freund drängten mich dazu, mich beim renommierten Géza-Anda-Wettbewerb anzumelden. Als ich die Teilnahmebedingungen und das Reglement durchlas, wollte ich mich zuerst nicht anmelden. Es ist ein unglaublich grosses Repertoire von sechs bis sieben Stunden Musik vorgegeben – eine ganze Liste an Kompositionen, die mit einer einzigen Ausnahme, auswendig gespielt werden müssen. Als ich dann noch die Namen der Jury-Mitglieder las, darunter ganz grosse Stars wie Martha Argerich, dachte ich: No way!
Wie ging es weiter?
Da war es bereits Januar, der Wettbewerb fand im Mai statt. Normalerweise dauert die Vorbereitung mindestens ein Jahr. Einige Künstler bereiten sich mehrere Jahre lang auf einen solchen Wettbewerb vor, die Vorbereitungszeit lässt sich mit den Olympischen Spielen vergleichen. Ich legte mich also ins Zeug und nutzte die wenigen Monate zur Vorbereitung. Zwei Wochen vor dem Wettbewerb hätte ich meine Anmeldung fast zurückgezogen, aber meine Freunde liessen nicht locker.
Also zweifelten Sie an sich?
Als Pianist denke ich manchmal, ich bin Gott, dann wiederum bin ich voller Zweifel. Ich erarbeite mir jeweils ein umfangreiches Wissen über ein Werk und den Komponisten, höre mir alte Aufnahmen an, schaue, was es an Literatur gibt, möglicherweise in der Kunst, um tief in das Werk einzutauchen. Ich arbeite hart und bete darum, das Richtige getan zu haben.
Wie gelang es, eine solche Jury zu überzeugen?
Es geht im ersten Schritt darum, die Stücke technisch zu beherrschen und auswendig zu lernen. Das Entscheidende ist aber, ein Konzept zur Interpretation des Stückes zu entwickeln – und dann im entscheidenden Moment zu liefern.
Wie gingen Sie dabei mit der grossen Konkurrenz um?
Es ging mir nicht darum, mich mit den anderen zu messen, sondern vielmehr mit mir selbst.
Preisträger des Géza-Anda-Wettbewerbs kommen in den Genuss von vielen Konzertmöglichkeiten. Wie bedeutend ist das für Sie?
Das ist sehr wichtig für mich, denn einen Wettbewerb zu gewinnen, ist nicht das Ende, nein es ist ein Anfang. Es gilt, sich als Künstler laufend weiterzuentwickeln und sich eine künstlerische Identität zu erarbeiten, was grosses Durchhaltevermögen erfordert.
Sie gewannen 2024 im Rahmen von Géza-Anda im Mozart-Semi-finale auch die Auszeichnung des Musikkollegiums Winterthur für die beste Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 17 in G-Dur, K. 453 von Wolfgang Amadeus Mozart. Wurden Sie aus diesem Grund vom Musikkollegium nach Winterthur eingeladen?
Ja, das ist der Grund, der Preis be-inhaltet diese Konzertmöglichkeit, ein grosser Dank geht an die Géza-Anda-Stiftung. Dieser Wettbewerb fand im Rahmen des Géza Anda Wettbewerbs statt. Dass ich die Jury überzeugte und den Hauptpreis erhielt, ist wunderbar. Dass ich weitere Auszeichnungen erhielt, wie den Publikumspreis und den Preis des Musikkollegiums Winterthur, erfüllt mich mit grosser Freude.
In Winterthur werden Sie das Klavierkonzert Nr. 1 in E-Moll, Opus 11. von Chopin spielen. Durften Sie die Komposition auswählen?
Ja, da ich dieses Pianokonzert bereits in Japan und Österreich gespielt hatte, schlug ich dieses für das Winterthurer Konzert vor. Das Musikkollegium war so freundlich, dem zuzustimmen.
Warum fiel die Wahl gerade auf diese Komposition?
Der Grund, warum ich dieses so gerne spiele, liegt erstens darin, dass es so wunderschön ist und viele Geheimnisse birgt. Zweitens steht Chopin für Romantik. Er thematisiert eine Liebe, die so gross ist, dass sie sogar den Tod überdauert.
Waren Sie schon zuvor in der Stadt Winterthur?
Ja, der Mozart-Wettbewerb fand hier statt, aber ich hatte während des Wettbewerbs keine Zeit, die Stadt zu entdecken. Nun im März, werde ich mir die Zeit dazu nehmen. Besonders freue ich mich darauf, die Ausstellungen der Villa Flora und der Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz zu besuchen. Ich hatte auch Kontakt mit der Sammlung der Stadtbibliothek, sie waren mir beim Aufspüren eines Manuskriptes des Komponisten Igor Strawinsky behilflich. An Winterthur gefallen mir die überschaubare Grösse und die Architektur. Ich bin grosse Städte gewohnt, mir gefallen aber die kleineren besser. Ich lebte in Kansas City, Missouri, dort wird um zehn Uhr abends das Trottoir hochgeklappt, Ich liebte es!
Wie ist Ihr Bezug zum Komponisten Frédéric Chopin?
Als Teenager spielte ich als Erstes den Grande Valse Brillante. Ich spielte in meinen Jugendjahren viel Chopin, allerdings bis vor zehn Jahren gar nichts mehr. Jetzt kehre ich zu Chopin zurück. Chopin wird jetzt wieder ein wichtiger Teil meines Lebens.
Worin bestehen die Tücken von Chopins Werks?
Chopin ist anspruchsvoll. Spielt man die Komposition zu technisch, wird es langweilig und stur. Legt man zu viel Emotionen hinein, kann es schwülstig wirken. Das steht dann für schlechten Geschmack. Mittelmässigkeit ist aber auch nicht gefragt. Die grosse Kunst liegt darin, bei der Interpretation das richtige Mass zu finden.
Es heisst, bei Chopin soll die Emotion im Vordergrund stehen, nicht die Brillanz. Wie sehen Sie das?
Es braucht beides. Generell braucht es ein kontroverses Element, damit die Musik spannend bleibt. Das lässt sich mit der Kunst vergleichen. Gerade bei der modernen Kunst vermisse ich manchmal das Uneindeutige. Ist ein Werk zu eindeutig, wird es langweilig. Bietet es Raum für verschiedene Betrachtungen, bleibt es spannend.
Welche Künstler haben Sie musikalisch inspiriert?
Mikhail Pletnev, Paavo Järvi und Martha Argerich sind alle sehr inspirierend, ebenso Gábor Takács-Nagy, der das Konzert am 11. September in der kleinen Tonhalle dirigierte, bei dem ich auftrat. Und natürlich Ivo Pogorelich, auch wenn dieser umstritten ist.
Beim Üben spielen Sie auch mal barfuss, warum?
So komme ich in Verbindung mit dem Instrument. Unsere Finger kommen ebenfalls direkt mit den Tasten in Berührung, wie auch unsere Seelen beim Klavierspiel entblösst sein sollen.
Dies war nicht von vornherein klar. Meine Erinnerungen gehen zurück in meine Kindheit in Moskau, in der mein Vater Mozart Sonaten spielte. In meiner Familie gab es keine Profimusiker. Eines Tages entdeckte mich meine Mutter, wie ich auf dem Bett herumsprang und dabei Robertino Loretis «Jamaica» sang. Sie war etwas besorgt und rief eine Freundin an. So kam ich in eine Musikakademie für Kinder, mit vier Jahren. Ich bestand die Aufnahmeprüfung, musste aber noch ein Jahr warten, bis ich alt genug für den Unterricht war. Ich habe all die Jahre aus reiner Freude Klavier gespielt.
Offenbar legten Ihre Eltern Wert auf eine vielseitige Bildung.
Ja, sie schickten mich zu Tanzkursen in Gesellschaftstanz, wo ich Cha-Cha-Cha und Wiener Walzer tanzen lernte. Daneben spielte ich aber auch Pingpong, und zwar stundenlang. Ich hatte viel Spass in meiner Kindheit. Sogar die Schule gefiel mir.
Hatten Sie bei einem Auftritt ein spezielles Erlebnis?
Bei einem Konzert in einem kleinen Dorf funktionierten die Pedale des Klaviers, die ja sehr wichtig sind, nicht richtig. Das war speziell.
Am 6. März werden Sie zusammen mit der Dirigentin Alizé Lehon spielen, die beim Neeme Järvi Preis im Rahmen des Gstaad Menuhin Festivals mit Bruckners siebter Sinfonie die Jury überzeugte, in welcher auch das Musikkollegium Winterthur vertreten war. Sie beide sind Preisträger, freuen Sie sich auf die gemeinsame Aufführung?
Ja, ich bin sehr aufgeregt, Ich habe Alizé Lehon schon auf Youtube-Videos dirigieren sehen und bin beeindruckt, wie sie ein Orchester leitet. Es wird grossen Spass machen, zusammen auf der Bühne zu stehen.
Interview: Claudia Naef Binz
Feierabend-Konzert
«Meet the Prize Winners»
Freitag, 6. März, 17.30 Uhr
Musikkollegium Winterthur
musikkollegium.ch
Zusatzkonzert «Recital»
Sonntag, 17. Mai, 17 Uhr,
Altes Stadthaus, Marktgasse 53
Tickets unter:
079 296 36 73
Der Géza-Anda-Wettbewerb ist laut Géza Anda Foundation ein internationaler Klavierwettbewerb, der dem ungarischen Pianisten Géza Anda gewidmet ist, der 1976 im Alter von nur 54 Jahren verstarb. In Erinnerung an ihn gründete Hortense Anda-Bührle, mit der er in zweiter Ehe seit 1964 verheiratet war, die Géza-Anda-Stiftung mit dem Ziel, junge Pianisten zu fördern.
Der Wettbewerb beinhaltet mehrere Kategorien. Beim Géza-Anda-Wettbewerb 2024 in Zürich gewann Ilya Shmukler den ersten Preis der Jury. Zusätzlich erhielt er vier weitere wichtige Auszeichnungen, darunter den Publikumspreis. Das Musikkollegium Winterthur zeichnete ihn zudem für die beste Wolfgang Amadeus Mozart-Interpretation aus.
Ilya Shmukler ist nach eigenen Angaben in Moskau geboren. Sein erstes Konzert gab er mit 12 Jahren, mit 14 Jahren debütierte er mit einem Orchester. Er studierte am Moskauer staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium bei den Professoren Elena Kuznetsova und Sergey Kuznetsov und setzte sein Studium an der Park University (USA) bei Professor Stanislav Ioudenitch fort. cnb
Lade Fotos..