Beni Thurnheer
schreibt für die WIZE jede Woche eine Fussball-WM-Kolumne.
Initiantin Monika Imhof und Stadträtin Christa Meier (v.l.) weihen den Villaggio-Weg und die Gedenktafel beim Eulachpark ein. Bild: cnb
Der neue Villaggio-Weg erinnert an den Einsatz der Migrantinnen und Migranten für die Stadt.
Geschichte«Wir wollen mit dem Projekt den Einsatz und die Arbeit der Migrantinnen und Migranten für die Industriestadt Winterthur würdigen», sagte Monika Imhof am 7. Mai bei der Einweihung des Wegs, der sich beim Schulhaus Neuhegi befindet.
Imhof ist Mitinitiantin zusammen mit dem Comitato Cittadino des Projekts «Winternational. Stimmen der Migration». Der Anlass stiess auf grosses Interesse.
Die Frage: «Braucht es das?», sei ihr mehrfach entgegengekommen. «Ja, es ist wichtig, wir alle haben zum Wohlstand der Stadt beigetragen», sagte Imhof. Genauso wie Frauen lange Zeit keinen Weg in die Geschichtsbücher fanden, genauso wenig sei der Beitrag der ausländischen Bevölkerung in der Geschichte beschrieben. «Es geht vor allem um die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.» Damit wolle man keineswegs den Einsatz von Schweizerinnen und Schweizern nicht würdigen. Zuerst stand laut Imhof die Idee im Raum, einen Preis zu vergeben.
«Es gibt bessere Möglichkeiten, um das Engagement zu würdigen», sagte Stadtpräsident Michael Künzle. «Dies ist mit der Benennung des Villaggio-Wegs beim Eulachpark gelungen.»
Hier am Eulachpark standen in den 1960er-Jahren Baracken der Firma Sulzer. Die Siedlung erhielt bald den Übernamen Villaggio, Dorf. Bis zu vierhundert Männer lebten laut Künzle hier, die Arbeiter waren durch Sulzer in Italien rekrutiert worden.
«Es entstand eine Gemeinschaft. Das Leben war jedoch bescheiden, ja prekär», sagt Künzle. «Wir müssen den Mut haben, die Geschichte vollständig zu erzählen, es ist ein Zeichen des Respekts.»
Das Grusswort des Stadtparlaments überbrachte André Zuraikat. «Dieser Weg ist ein starkes Zeichen.» Der am Projekt beteiligte Winterthurer Historiker Miguel Garcia schilderte seine persönliche Migrationsgeschichte. Er forschte zum Thema und wurde im Sulzerarchiv fündig.
«Endlich wird Migrationsgeschichte sichtbar gemacht», sagte Garcia. Der Wohnkomfort in den Baracken sei bewusst tief gehalten worden, um bei der Schweizer Bevölkerungen keinen Neid zu provozieren. Garcias Appell: «Sichtbarmachen, Erinnern, Anerkennen und Reflektieren». Paola de Martin, Vorstandsmitglied des Vereins «Tesoro» (Verein für die Aufarbeitung des Leids illegalisierter migrantischer Familien mit Saisonnier- und Jahresaufenthalterstatut) findet, dass das, was heute mit dem Weg passiert, «magisch». Ihre Eltern kamen aus Italien. «Wir haben die Stadt gebaut. Wir haben sie auch geputzt, das muss auch mal gesagt werden.» Diese kleinen Geschichten seien die Basis der grossen Geschichte. «Die Arbeiter bauten die Räume, aus den sie ausgeschlossen wurden.»
Marcello Maffucci kam 1958 als 11-jähriger mit seinem Vater nach Winterthur. «Die Unterkunft in der Baracke war schrecklich. Ich vergoss viele Tränen», erzählt Maffucci sichtlich bewegt. Er habe keine Freunde gehabt, sei als Tschingg beschimpft und in der Schule gemobbt worden. «Heute aber kann ich ohne Scham darüber reden.»
Giancarlo Elio Teroni wohnte von 1961 bis 1965 in einem Viererzimmer der Baracke. Dort gab es lediglich 4 Betten, vier Schränke und vier Stühle. «Ich bin ein Zeitzeuge», sagt Teroni. Er erinnert sich an den Speiseplan jener Zeit: vorwiegend Polenta und Reis.
Claudia Naef Binz
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