Stefan Fritschi
duelliert sich gegen Kaspar Bopp um das Amt des Stadtpräsidenten.
«Meine Partei müsste in grosse Nöte kommen, damit ich politisch
nochmal etwas machen würde», sagt Stadtpräsident Michael Künzle.
Michael Künzle ist seit Jahren der unumstrittene Stadtvater. Zu seinem Rücktritt nach 21 Jahren Politik blickt er im Interview zurück und nach vorne.
Politik Stadtkirche, Wintower und Steibi: Winterthur hat viele charmante Wahrzeichen, doch die beste Visitenkarte für die ehemalige Industriestadt war der Stadtvater Michael Künzle. 2012 zum Stapi gewählt, hielt sich der Mitte-Politiker erstaunlich konkurrenzlos im Amt und genoss das höchste Vertrauen der Bevölkerung. Dafür tat er auch viel, mischte sich unter die Leute, wo immer er nur konnte, und engagierte sich für die Stadt. Nun tritt er nicht mehr zur Wahl an und spricht im Interview über die Gründe und die neugewonnene Zeit.
Michael Künzle, Sie ziehen einen Schlussstrich und legen das Amt des Stadtpräsidenten ab. Wieso gerade jetzt?
Michael Künzle: Ich habe mit der Partei abgemacht, dass ich jeweils ein Jahr vor den Gesamterneuerungswahlen sage: Daumen hoch oder runter. Diese Lagebeurteilung habe ich alle vier Jahre gemacht und bis jetzt ging der Daumen immer hoch. Dieses Mal nicht. Natürlich bin ich Demokrat, aber als bürgerlicher Stadtpräsident in einer links-grünen Mehrheit war ich doch ein paar Mal zu viel in der Minderheit. Daneben gibt es noch weitere Gründe. Du bist im Leben nicht nur Stadtpräsident. Ich habe Lust, noch andere Sachen zu machen. Ich habe lange mit mir gerungen, zu akzeptieren, dass es fertig ist. Der Prozess der Lagebeurteilung dauerte sehr lange. Viel länger als in früheren Jahren.
Mit dem Umzug der Verwaltung 2015 in den Superblock haben Sie auf ein eigenes Büro verzichtet. Hat es sich bewährt?
Das hat sehr gut funktioniert. Ich weiss, es wurden Wetten abgeschlossen, wie lange Mike mit seinem Team im Teambüro ist. Ich muss alle enttäuschen, die meinten, ich würde das irgendwann auflösen. Nein, bis zum Schluss werde ich im Teambüro sein.
Es ist ein schönes Symbol für Ihre Volksnähe. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zur Bevölkerung von Winterthur?
Ich finde das enorm wichtig. Als Stadtpräsident vertrete ich die Stadt und damit die ganze Bevölkerung. Es war mir immer wichtig, unter die Leute zu gehen. Ich habe stets gesagt, dass wir nicht aus dem Elfenbeinturm im Superblock regieren können. Du musst raus, du musst schauen, wie es den Leuten geht, den Vereinen, den Firmen. Ich denke, es wurde auch geschätzt, dass ich ein Stadtpräsident bin, den man anfassen kann, mit dem man sich austauschen kann, bei dem man jederzeit einen Termin bekommt.
Weil Sie an so vielen Anlässen eine Rede gehalten haben, frage ich mich, ob Sie nicht einen Doppelgänger haben...
Hatte ich!
Das ist also der Trick von Mike Künzle!
Es kam vor Jahren plötzlich der «Tages-Anzeiger» auf mich zu und fragte, ob ich wisse, dass ich einen Doppelgänger habe. Es trete einer als Mike-Künzle-Double auf. «Like Mike» nannte er sich. Wir haben uns dann getroffen und abgemacht, dass er keine Witze unter der Gürtellinie macht. Und daran hat er sich gehalten. Und jedes Mal, wenn ich einen Artikel über ihn gelesen habe, musste ich schmunzeln. Das gipfelte darin, dass meine Kinder mir sagten, ich würde eine 1.-August-Rede auf dem Bäumli halten, wovon ich natürlich nichts wusste.
Wo tanken Sie nach einem hektischen Tag wieder Energie auf?
Das ist klar bei meiner Familie. Ich habe eine Frau und vier Kinder und mittlerweile haben wir drei Enkelkinder. Sie haben mich über all die Jahre kräftig unterstützt.
Wo ist Ihr Lieblingsort in Winterthur?
Das Bäumli. Man hat von dort eine fantastische Aussicht – und wer noch einen Kaffee oder etwas essen will, der kann im Restaurant Goldenberg einkehren. Das Bäumli ist für mich ein spezieller Ort. Darum habe ich mich auch immer geärgert, wenn dort eine Littering-Sauerei herrschte, so dass wir beim Sonntagspaziergang unseren Hund über die Scherben tragen mussten. Das Bäumli ist ein wunderschöner Ort, aber unsere Gesellschaft geht zu wenig respektvoll damit um, nicht nur mit dem Bäumli, nein, generell mit dem öffentlichen Raum.
Was bleibt Ihnen aus Ihrer Amtszeit besonders positiv in Erinnerung?
Das Amt des Stadtpräsidenten ist aus meiner Sicht ein Ehrenamt. Ich habe sieben Wahlen bestanden, bei denen ich das Vertrauen der Winterthurer Bevölkerung erhielt, weiterzumachen. Schöne Momente waren etwa die Eröffnung der sanierten und erweiterten Villa Flora, die Eröffnung des sanierten Theaters Winterthur, die Unterstützung des Stadtrats und des Parlaments für die neue Bibliothek an der Hohlandstrasse in Oberi und viele mehr. Ich habe mich generell mit Herzblut für unsere wunderschöne Stadt eingesetzt und es hat sich gelohnt.
Gab es einen konkreten Moment, an den Sie gerne zurückdenken?
Viele! Ich habe über die Jahre hinweg viele solche bleibenden Ereignisse erleben dürfen. Ein besonderer Moment war das Stadtfest «750 Jahre Winterthur», das wir 2014 gefeiert haben. Es war ein spezieller Moment, vom Bahnhofshauptgebäude zu den Leuten auf dem Platz zu sprechen. Oder als wir im Semper Stadthaus den Aufstieg des FCW gefeiert haben oder den Meistertitel von Pfadi Winterthur im Win4 – das war super.
Was hat Sie besonders geärgert?
Es hat mich Energie gekostet, wenn ich im Stadtrat wieder einmal in der Minderheit war, aber unter dem Strich war es eine sehr schöne Zeit und den Ärger lassen wir nun mal beiseite.
Wenn Sie an die Zukunft der Stadt denken, welchen Wunsch hegen Sie an die Stadtentwicklung von Winterthur?
Es gäbe so viele gute Ideen, aber die kosten meistens etwas und wir haben einfach zu wenig finanzielle Möglichkeiten. Natürlich könnte man entgegnen, wir hätten schon Geld und müssten es halt einfach anders verteilen. Aber: Wir haben exorbitant steigende Bildungskosten, steigende Gesundheitskosten, steigende Sozialkosten. Wenn Steuern nicht im gleichen Ausmass steigen, und das ist bei uns leider nicht der Fall, wer bezahlt dann die steigenden Kosten? Es sind die beiden Bereiche Sport und Kultur, die das mittragen müssen. Es sind aber auch die beiden Bereiche, bei denen die Bevölkerung gerne etwas sehen will. Das ist ein Dilemma und deshalb wünsche ich mir mehr finanziellen Spielraum. Das ist jetzt kein Antrag auf Steuererhöhung! Der grösste Wunsch ist aber, die hohe Lebensqualität in unserer Stadt zu erhalten. Da muss sich der Stadtrat weiterhin engagiert einsetzen.
Wie geht es nach Ihrem Rücktritt im Juni für Sie weiter?
Es ist noch nichts spruchreif. Ich bin dann 61 Jahre alt und suche eine Weiterbeschäftigung. Ich bin mit meiner Frau dabei, verschiedene Varianten zu prüfen.
Sie haben dann mehr Zeit für sich oder Hobbys. Zeit also, das Saxophon zu entstauben?
Ich werde sicher mehr Saxophon spielen, aber erst, wenn ich wirklich fertig bin als Stadtpräsident. Es gab da schon eine Anfrage für den Frühling. Vielleicht lerne ich aber auch noch ein anderes Instrument. Ich habe immer gesagt, es wäre noch schön, Schwyzerörgeli zu spielen. Mal schauen. Ich will einfach diese Belastung nicht mehr, wie ich sie die letzten 21 Jahre hatte. Es waren schöne, aber auch intensive Jahre. Meine Familie musste viel auf mich verzichten. Das soll jetzt ändern.
Bleiben Sie politisch aktiv?
Wenn Sie mich jetzt fragen, dann sage ich nein!
Das glaube ich nicht. Ein Mike Künzle ohne Politik?
Ich formuliere es mal so: Meine Partei müsste in grosse Nöte kommen, damit ich politisch noch einmal etwas machen würde.
Wie werden Sie sich verabschieden?
Ist das Stadthaus schon reserviert? Das sind wir am Aufgleisen. Am Mittwoch, 10. Juni, ist die Abschlussfeier im Semper Stadthaus geplant.
Welche Musik wird dann laufen?
Es soll vielseitig sein. Ich hätte gern einen feierlichen Anlass mit einem Auftritt des Musikkollegiums. Draussen schwebt mir der Kontakt zur Bevölkerung vor. Und es soll auch vor dem Semper Musik haben. Wer Abschied nehmen will, soll ein Bier und Wintiwurst bekommen. So in dieser Art. Möglichst einfach und unkompliziert.
Was wurde noch nicht angesprochen? Sie haben das letzte Wort...
Am Schluss sage ich danke! Danke für alles. Die Stadt Winterthur lebt von den Einwohnerinnen und Einwohnern, den Unternehmen, den Vereinen, den Stiftungen. Sie machen das Leben in dieser wunderschönen Stadt aus, nicht nur die Regierung.
Interview: Sandro Portmann
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