Beni Thurnheer
schreibt für die WIZE jede Woche eine Fussball-WM-Kolumne.
Auf der Bühne des ehemaligen Sommertheaters kehrt bald neues Leben ein. Doch das Parlament hat das letzte Wort.
Kultur Zuerst ein Drehbuch, dann das Geld: Das Winterthurer Stadtparlament strich in seiner letzten Budgetdebatte im Dezember 870 000 Franken aus dem Budget. Mit diesem Betrag wollte der Stadtrat die Bühne am Stadtgarten wieder fit für Kulturveranstaltungen machen. Seit dem Ende des Sommertheaters 2022 steht das Areal leer. Damit wieder Veranstaltungen durchgeführt werden können, sind bauliche Eingriffe nötig. Die Rede ist von strukturellen und sicherheitstechnischen Mängeln. Die Bühne soll sich zum Stadtgarten hin öffnen. Optisch gefiel das Projekt im Parlament. Doch noch seien zu viele Fragen offen, fand das Parlament, strich das Geld aus dem Budget und verlangte erst ein Nutzungskonzept. Dieses ist nun da.
Demnach soll auf der Bühne des ehemaligen Sommertheaters schon bald wieder Leben einkehren. Niederschwellige Kulturangebote stehen auf dem Programm. Laut Nutzungskonzept sind im Rhythmus von etwa zwei Wochen Konzerte, Tanzshows und Lesungen angedacht. «Das Programm steht noch nicht, darum kann ich auch noch keine konkrete Veranstaltung nennen. Einzig der städtische Musiktag 2027 ist fix eingeplant», sagt Matias Duvaud, Präsident des Musikverbands der Stadt Winterthur. Dieser übernimmt in einem dreijährigen Pilotprojekt den Betrieb der Bühne am Stadtgarten. Dazu wird der Verein «Bühne am Stadtgarten» gegründet, dessen Zweck darin besteht, die Bühne zu betreiben. Er wird mit der Stadt eine Nutzungsvereinbarung unterzeichnen. Das Engagement ist ehrenamtlich.
Lange musste Duvaud nicht überlegen, als er von der Stadt angefragt wurde, ein Nutzungskonzept auszuarbeiten. «Es ist eine wahnsinnig gute Lokalität an einem extrem pulsierenden Ort, die man unbedingt wieder so beleben muss, dass die Bevölkerung gerne dorthin kommt», so Duvaud. Er spricht von einem Filetstück. Auch die Verbandsmitglieder sind nach anfänglicher Skepsis nun Feuer und Flamme. An der Verbands-GV erhielt das Projekt mit nur einer Gegenstimme grünes Licht.
Nach den Sommerferien wird der Trägerverein, der das Programm kuratiert, das Gespräch mit verschiedenen Winterthurer Kulturinstitutionen suchen und ein Programm auf die Beine stellen. Kulturschaffende können sich aber auch mit eigenen Ideen beim neuen Trägerverein melden. Die Bühne steht den Kunstschaffenden laut Nutzungskonzept kostenlos zur Verfügung, das Programm muss aber auch für das Publikum kostenlos sein. «Vorbehalten sind Kollekten, mit denen Aufwände gedeckt werden können, wie etwa der Betrieb einer eigenen Webseite», sagt Duvaud. Man sei für viele Ideen offen. Von der Fasnacht bis zum Weihnachtssingen sei vieles denkbar. Die einzige Einschränkung sind Verkaufsanlässe und politische Veranstaltungen. «Das wird nicht möglich sein», so Duvaud.
Und wenn sich niemand meldet? «Winterthur hat eine so vielfältige Kultur, ich befürchte eher, dass die Herausforderung darin bestehen wird, die Veranstaltungen bei 30 bis 40 Events pro Jahr zu deckeln», sagt der Verbandspräsident. Warum überhaupt eine Begrenzung? Warum wird die Zahl der Veranstaltungen nicht dem Bedürfnis angepasst?
Die städtische Amtsleiterin Kultur, Tanja Scartazzini, schliesst nicht aus, die Zahl der Veranstaltungen nach oben anzupassen, gibt aber auch zu bedenken: «Es gibt verschiedene Interessen an diesem Ort. Es gibt Anwohner, es gibt das Gewerbe und wir haben den Stadtgarten als solchen, wo schon viel passiert. Ich glaube mit den 30 Veranstaltungen sind wir gut bedient», so Scartazzini. Sie geht ebenfalls von einem starken Bedürfnis bei Kulturschaffenden nach dieser Bühne aus. «Wahrscheinlich werden eher Ideen abgewiesen werden müssen», sagt sie beim Gespräch.
Bei aller Vorfreude: Eine offene Kulturbühne am Stadtgarten weckt auch Ängste. Niemand will einen zweiten Merkurplatz, der gleich nebenan als Brennpunkt für Randständige und Menschen mit Drogenproblemen gilt. «Wir haben die Verantwortung, dass wir nicht ins Fahrwasser eines zweiten Merkurplatzes kommen», sagt Duvaud. Die Strategie heisst Belebung. Einerseits sorgt ein vielfältiges Kulturprogramm für die Attraktivität des Areals, andererseits belebt auch der nahe Strauss die Bühne am Stadtgarten. Laut Nutzungskonzept sollen die Bühne am Stadtgarten und das Restaurant Strauss künftig nämlich eine Symbiose eingehen. So ist geplant, dass beim Gastrobetrieb Konsumationsmöglichkeiten bestehen. «Es ist aber auch erlaubt, dass man sein eigenes Wasser und sein eigenes Brötchen mitnimmt. Es soll eine gute Durchmischung geben», sagt Duvaud. Umgekehrt kann das Restaurant an veranstaltungsfreien Tagen die freie Fläche für eigene Tische nutzen.
Seit etwas mehr als einem halben Jahr steht der Strauss leer, jedoch nicht mehr lange. Tatsächlich steht auch das Restaurant kurz vor seiner Neuverpachtung. Die Gespräche mit einem neuen Pächter seien aussichtsreich. «Wir gehen davon aus, dass in diesen Tagen die Verträge unterzeichnet werden», sagt Sulamith Knellwolf, Bereichsleiterin Immobilien der Stadt Winterthur.
Die neue Bühne am Stadtgarten versteht Tanja Scartazzini auch als Würdigung der Laienkultur. «Ohne das Ehrenamt würden all die Festivitäten gar nicht stattfinden», sagt die städtische Amtsleiterin Kultur. «Finanziell können wir Laienkultur nicht gross unterstützen, dazu sind unsere Richtlinien zu eng auf professionelles Kulturschaffen ausgerichtet. Aber einen Ort schaffen für die Laienkultur, das können wir.»
Die Stadt spricht von einer sanften Sanierung. Fassaden und Dächer werden optisch aufgefrischt und instand gestellt. Anbauten und Provisorien, wie die Mauer oder das Faltdach, werden behutsam zurückgebaut. Das Bühnenkonzept geht nun ins Stadtparlament, das über einen Nachtragskredit von 300 000 Franken zuhanden des Budgets 2026 befinden muss.
Insgesamt rechnet die Stadt für Sanierung und Öffnung der Bühne mit 1,04 Millionen Franken. Das sind 70 000 Franken mehr, als noch im Dezember budgetiert waren. Grund für die Mehrkosten sind die nicht mehr vorhandenen Synergien zur aktuellen Baustelle beim Stadtpark. Die Stadt rechnet mit dem Baustart im Spätherbst 2026. Die Baubewilligung liegt bereits vor. «Das Ziel ist es, die Bühne ab Frühling 2027 nutzen zu können», sagt Knellwolf. Zwar sei noch nichts spruchreif, aber laut Duvaud wird es sicher ein grosses Einweihungsfest geben.
Sandro Portmann
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