Stefan Fritschi
duelliert sich gegen Kaspar Bopp um das Amt des Stadtpräsidenten.
Die beiden Stadtpräsidentschafts-Kandidaten Fritschi und Bopp standen sich in der ehemaligen Industriehalle der Büro Schoch Werkhaus AG an der Zürcherstrasse gegenüber.
Die zurzeit vielen Verpflichtungen im Wahlkampf sind ein Vorgeschmack auf jene, die Sie als künftiger Stadtpräsident erwarten dürften. Bereuen Sie die Kandidatur bereits?
Stefan Fritschi:Auf keinen Fall. Die Repräsentationsaufgaben, die wir teilweise jetzt schon haben, sind für mich nicht ein eigentliches Arbeiten. Es sind stets interessante Begegnungen auch mit einem gewissen Unterhaltungsfaktor – man erlebt die Vielfalt der Stadt. Sicher wird es als Stadtpräsident noch viel mehr auch eine Sache des Einteilens sein, damit auch Freunde und Familie nicht zu kurz kommen werden.
Kaspar Bopp: Keineswegs, für mich ist es eine wahnsinnig spannende Zeit, es ist auch eine Chance, noch viel mehr in das Stadtleben reinzusehen. Ich werde dann aber auch froh sein, wenn die gewisse Ungewissheit wegfallen wird.
Kaspar Bopp, was meinen Sie zu meiner Behauptung, dass Sie nur Stadtpräsident werden wollen, um den auf das Finanzamt zukommenden, schwierigen Zeiten zu entkommen?
Kaspar Bopp: Diese Behauptung würde einem Faktencheck überhaupt nicht standhalten (lacht). Das Thema Finanzen ist und war in Winterthur immer schon eine Herausforderung. Es ist vielmehr die Lust auf eine neue Aufgabe, die Stadt von einer anderen Seite her zu begleiten, zu führen und zu repräsentieren.
Bei Ihnen, Stefan Fritschi, behaupte ich, dass Sie nach 16 Jahren als Stadtrat, Präsident werden wollen, um die Zeit bis zur Rente in einem ruhigeren Departement zu überbrücken?
Stefan Fritschi: Ich höre die Behauptung erstmals, dass man als Stadtpräsident einen lockereren Job hat (lacht). Nach meinen vielen Stadtratsjahren als Leiter des Departements von Schule und Sport sowie aktuell jenem der technischen Betriebe wäre es eine Abrundung, das präsidiale Amt übernehmen zu dürfen. Im Alter von 54 Jahren denke ich zudem noch überhaupt nicht auf meine Pensionierung hin.
Grundsätzlich würde Winti auch eine Stadtpräsidentin gut anstehen, hat sich in Ihren Parteien keine Frau aufgedrängt?
Stefan Fritschi: Wir haben in der FDP viele gute und fähige Frauen, Für mich ist sonnenklar, dass Winterthur früher oder später eine Stadtpräsidentin haben soll. Das würde mich freuen. Bei uns hat sich aber keine Frau gemeldet, weshalb es für mich sicher einfacher war. Ich wäre parteiintern nicht gerne gegen eine Frau angetreten.
Kaspar Bopp: Innerhalb der SP haben wir das Thema sicher diskutiert, ich habe auch frühzeitig das Gespräch mit Christa Meier und Nicolas Galladé gesucht. In der Gesamtbetrachtung hat sich dann meine Kandidatur herauskristallisiert. Aber klar, ich würde mich auch freuen, wenn Winterthur einmal eine Stadtpräsidentin hätte.
Sie sind beide unter anderem aufgeschlossen, gesellig, sportaffin und für das Stadtpräsidium durchaus wählbar. Rechnen auch Sie mit einer knappen Kiste?
Kaspar Bopp: Ich habe schon immer gesagt, dass es für mich auch als SP-Kandidat kein Selbstläufer werden wird. Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Stefan Fritschi: Auch ich rechne durchaus mit einer engen Wahl. Die Chancen stehen bei 50 zu 50 Prozent.
Stefan Fritschi, weshalb denken Sie, es mehr verdient zu haben, Stadtpräsident zu werden?
Stefan Fritschi: Bei mir hat man mit meinen 16 Jahren im Stadtrat und davor zehn Jahren im Parlament, deutlich mehr Anhaltspunkte, um mich zu beurteilen. Ich bin nicht ein Mann der grossen Worte und Versprechungen, sondern möchte die Projekte zum Wohle der Stadt lieber umsetzen, die PS auf den Boden bringen. So bringe ich viele Argumente für eine Wahlempfehlung mit.
Kaspar Bopp, weshalb hätten Sie eine Wahl zum Stadtpräsidenten mehr verdient?
Kaspar Bopp: Es geht tatsächlich nicht darum, sich das Amt zu verdienen. Vielmehr soll sich die Bevölkerung überlegen, wem sie perspektivisch am ehesten zutraut, diese Stadt zu führen, ihr ein Gesicht zu geben. Ich habe in den letzten Jahren sicher gezeigt, dass ich auch komplexe Prozesse zum Ziel führen kann, wie etwa im Zusammenhang mit der Pensionskasse. Wichtig soll aus meiner Sicht aber auch sein, welchen Gestaltungswillen, welche Vision der künftige Stadtpräsident haben soll oder eben mitbringt. Dazu habe ich einen klaren Plan und eine klare Haltung, wie ich diese Stadt künftig führen möchte.
Geht es um die Stadtfinanzen fällt immer wieder die Kritik am zu aufgeblasenen Verwaltungsapparat auf. Trauen Sie sich zu, in diesem und anderen Bereichen auch mal einen unkonventionellen, mutigen Schritt wie Stellenabbauten in die Wege zu leiten?
Kaspar Bopp: Der Personalaufwand der Stadt wächst und schrumpft mit den Aufgaben. Zuständig ist dafür der Gesamtstadtrat. In meinem Departement haben wir beispielsweise das Scancenter des Steueramtes ausgelagert und konsequenterweise Personalbestand abgebaut – im Rahmen einer Effizienzsteigerung und ohne Leistungsabbau. Diese Verantwortung möchte ich auch in Zukunft tragen.
Stefan Fritschi: Die letzten 16 Jahre habe ich einige Hochs und Tiefs erlebt im Stadtrat. Dazu zählen auch die Sanierungsprogramme, die immer schmerzhaft sind, da gabs auch viele Punkte, die ich als Departementvorsteher nach aussen getragen und mitverantwortet habe. Als Stadtrat und Stadtpräsident gehört immer dazu, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen und dafür einzustehen, wenn diese für die Sache und die Stadt sinnvoll sind. Ich glaube, ich habe in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass ich auch mit begrenzten Mitteln, die wir in der Stadt Winterthur nun mal haben, immer wieder gute, teils auch kreative oder unkonventionelle Lösungen hervorbringen konnte.
Ein vieldiskutiertes Thema ist die Wohnungsnot. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Stadt im Moment nicht weiterwächst. Ist es so schlecht, mal etwas durchzuatmen, um ein weiteres Wachstum etwa in den Bereichen Verkehr, Schulraum sorgfältiger als zuletzt vorzuplanen?
Kaspar Bopp: Die Leerwohnungsziffer ist seit langer Zeit sehr tief. Die Ziffer steigt typischerweise, wenn die Zinsen tief sind und sinkt, wenn die Zinsen hoch sind. Immobilienfirmen investieren dann, wenn die Zinsen tief sind, da sie dann auf anderen, sicheren Investitionen weniger Rendite erzielen können. Wir haben von dem her weniger eine akute Wohnungsnot, sondern das Problem einer Mietpreisexplosion. Für viele Menschen ist das eine sehr reale Belastung.
Stefan Fritschi: Winterthur wird auch in Zukunft wachsen, wenn auch möglicherweise nicht mehr so stark wie zuletzt. Auch als Präsident der Regionalplanung Winterthur und Umgebung ist es mir ein Anliegen, dass das Wachstum in jenen Regionen, Gemeinden und Zentren stattfindet, die auch wirklich gut mit dem ÖV erschlossen und eine gute Zentrumsfunktion übernehmen können. Da zählt Winterthur sicher dazu. Als Stadtrat müssen wir dazu bereit sein, das Wachstum, das es im Kanton Zürich weiterhin geben wird, mitzutragen, auch wenn es nicht immer attraktiv ist. Kommt dazu, dass wir das Wachstum nur bedingt steuern können. Eine Chance dazu ist die kommende Revision der Bau- und Zonenordnung BZO. Da bin ich schon der Meinung, dass wir nicht mehr so grosszügig einzonen sollten, wie bei der letzten Anpassung. Mehr Wohnungen (und damit eine Entspannung etwa bei den Mietpreisen) und mehr Arbeitsplätze werden mit der nötigen Verdichtung und einfacheren Baubewilligungsverfahren auch so möglich sein.
Gerade auch als Finanzminister müssten Sie Herr Bopp neben bezahlbarem Wohnraum auch daran interessiert sein, Winterthur mehr zahlungskräftigen Personen schmackhaft zu machen. Hätte das für Sie auch Priorität als Stadtpräsident?
Kaspar Bopp: Schlussendlich kommts auf den guten Mix an und die Frage stellt sich, wo es die Politik braucht und wo es einfach funktioniert. Im Moment braucht es uns vor allem dort, wo es um bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum geht. Da stehen wir aber nicht allein da. Wir sehen beispielsweise auch bei unserer grossen Schwester Zürich, was passiert und wie es auch noch weiter gehen können. Ziel ist, Qualität trotz Wachstum zu halten und dafür zu sorgen, dass niemand abgehängt wird.
Stefan Fritschi: Wenn wir von bezahlbarem Wohnraum reden, darf man sicher nicht nach Zürich schauen. Der Mix ist auch für mich sehr wichtig, bei guten Steuerzahlern haben wir so gesehen ebenso einen Nachholbedarf.
Kaspar Bopp: Ich meinte nach Zürich zu schauen, damit wir vorbeugen und nicht eines Tages dieselben Verhältnisse haben werden.
Stefan Fritschi, müsste sich der Stadtrat nicht auch mehr dafür einsetzen, dass das Gewerbe in Winti bessere Voraussetzungen vorfindet, neue Betriebe sich in Winti ansiedeln, Arbeiten und Wohnen einhergeht? Stünde dieses Ziel auch als Stapi hoch open in Ihrer Pendenzenliste?
Stefan Fritschi: Es ist so, dass die Investoren und die Wirtschaft eine wichtige Verantwortung tragen. Ich erwarte, dass auch Private mit Geschick und Verantwortung sich engagieren, mehr Arbeitsplätze nach Winterthur zu holen.
Kaspar Bopp, liegt dies auch in Ihrem Interesse?
Kaspar Bopp: Ich finde es sehr wichtig, viele gute und faire Arbeitsplätze in Winterthur zu haben. Dafür möchte ich mich als Stadtpräsident einsetzen. Einerseits die bestehenden Unternehmen zu pflegen und dafür zu sorgen, dass wenn Firmen einen Standort bei uns suchen, wir uns auch als Stadtrat oder als Stadtpräsident entsprechend stark engagieren.
Wie gross sind die Fussstapfen, die Mike Künzle hinterlassen wird?
Stefan Fritschi: Ich finde, Mike hat es sehr gut gemacht. Gerade seine Bürgernähe, sein offenes Ohr sind vorbildlich, da hoffe ich, einen Teil von ihm übernehmen zu können. Ich freue mich zudem, dass auch er der Meinung ist, dass ich ein fähiger und guter Nachfolger wäre.
Kaspar Bopp: Mike hinterlässt grosse Fussstapfen. Mein Ziel muss aber nicht sein, dort reinzutreten, es gibt verschiedene Wege, diese Rolle auszufüllen. Ich bin überzeugt davon, dass, unabhängig wer gewählt wird, der nächste Präsident auch einiges anders machen darf. Angst davor habe ich nicht, im Gegenteil, ich würde mich freuen, einen eigenen Weg für mich zu finden.
Auf welches Hobby müssten Sie als Stadtpräsident in Zukunft aus Zeitgründen wohl verzichten?
Kaspar Bopp: In meiner Freizeit arbeite ich viel in meinem grossen Gemüsegarten, ziehe gerade neue Setzlinge. Dafür hätte ich als Stadtpräsident wahrscheinlich etwas weniger Zeit. Auch als passionierter Skifahrer müsste ich mich etwas einschränken, ich denke aber, auch als Stadtpräsident könnte ich den einen oder anderen Skitag einstreuen.(schmunzelt)
Stefan Fritschi: Ich hoffe auch künftig am einen oder anderen Orientierungslauf teilnehmen zu können, zumal ich etwas gefährdet bin, ab und zu bei feinen Apéros ein Häppchen zu viel zu essen (lacht). Daher hoffe ich, dies auch künftig mit Sport ausgleichen zu können.
Woran würden Sie im privaten Bereich festhalten und dafür auch mal einen amtlichen Termin absagen?
Kaspar Bopp: Amtlichen Termin absagen ist vielleicht etwas falsch. Ich würde aber auf jeden Fall schauen, im gesundheitlichen Bereich etwa mit Crossfit dranzubleiben, dies in meinem Wochenplan unterzubringen wird auch in Zukunft wichtig sein.
Stefan Fritschi: Als Stadtpräsident geht man viele Verpflichtungen ein und ist auch bereit, diese zu bewältigen. Es nützt jedoch niemanden, wenn man nicht mehr gesund ist oder nicht mehr mag, keine Lust mehr hat. Die Freude am Arbeiten und an den Aufgaben müssen im Vordergrund stehen. Auch für Familie und Freunde muss man sich die Zeit nehmen, diese Beziehungen auch weiterhin zu pflegen. Vernachlässigt man dies, kann das im Nachhinein niemand mehr zurückgeben. Darauf muss man schauen.
Welches Wahlversprechen können Sie mit gutem Gewissen abgeben?
Kaspar Bopp: Dass ich mich mit vollem Elan für die Stadt einsetzen werde, ich möchte da sein für die Stadt. Angesprochen haben wir bezahlbaren Wohnraum, es geht aber auch um Kultur, um Quartierentwicklung und um eine zukunftsfähige Wirtschaft – mit Verantwortung und klarer Haltung.
Stefan Fritschi: Ich verspreche, dass ich mit gleichen Ideen und gleichem Engagement, wie ich sie in den beiden Departementen als Stadtrat einbrachte, auch als Stadtpräsident einbringen werde. Ich werde mich für mehr Arbeitsplätze einsetzen, und kämpfe, dass unsere Qualitäten als Bildungs-, Wohn- und Grünstadt noch gesteigert werden können.
Interview: George Stutz
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