Beni Thurnheer
schreibt für die WIZE jede Woche eine Fussball-WM-Kolumne.
Die Winterthurer Künstlerin Johanna Müller erkundet gerne Räume, sie fabuliert, spekuliert und arrangiert. Bild: Claudia Naef Binz
2023 hat Johanna Müller den Förderpreis erhalten der Stadt Winterthur. Im Januar zeigt sie ein aktuelles Werk im Haus der Elektronischen Künste Basel.
Preisträgerin Wer kennt es nicht, das Gefühl, sich an eine Firma oder Institution zu wenden und ewig in der Schlaufe zu hängen.
Dieses Verlorensein macht die Winterthurerin Johanna Müller zum Thema. Ihre aktuelle künstlerische Arbeit wird sie im Januar im Haus der Elektronischen Künste (HEK) in Basel zeigen. Diese wurde durch den mit 15 000 Franken dotieren Pax Award des HEK ermöglicht. «Invalid Credentials» heisst das Werk. «Es wird ein Chatverlauf in Form eines zwei mal sieben Meter langen Teppichs zu sehen sein.» Inspiration bot ein Spielteppich mit abgebildeten Strassen für Kinder.
Die Idee: Ein User kann sich auf dem Weg zum Arbeitsort zum Google Headquarter in Kalifornien nicht mit dem Internet verbinden, um ein Formular herunterzuladen, welches er für seine Aufenthaltsbewilligung zwingend benötigt. Der User fragt den Chatbot um Hilfe, jedoch erfolglos. Müller verweist in dieser Arbeit unter anderem auf die Verschärfung der Migrationsgesetze in Europa in den letzten Jahren. «Ich habe viel gesammelt, mache Screenshots. Dann beginnt das Denken, und die Schnipsel fügen sich in einer Struktur zusammen.»
«Ich bin eine Internet-Flaneurin.» Dabei lehnt Müller sich an die literarische Figur des Flaneurs aus dem 19. Jahrhundert an. Die Figur ermögliche eine schwankende Herangehensweise, die viel Handlungsspielraum im Aneignungsprozess des bearbeitbaren Materials zulasse. «Das Ziellose spielt dabei eine wichtige Rolle.» Es gehe um das zufällige Entdecken, das Aneinanderreihen und Reflektieren.
«Man bewegt sich in der Masse, ist Teil der Masse und kann gleichzeitig darin untergehen.»
Im November 2023 hat Müller den mit 10 000 Franken dotierten Förderpreis der Stadt Winterthur erhalten. «Dieser Preis ist eine Bestätigung für das, was ich bisher gemacht habe, und ein Motivationsschub für die Projekte, die noch kommen», sagt die Künstlerin. Für den Stadtrat Winterthur ist Johanna Müller laut Medienmitteilung eine vielseitige Künstlerin mit grossem Potenzial, deren Arbeiten eine ganz eigene Handschrift tragen.
Johanna Müller ist nach eigenen Angaben 1990 geboren und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste sowie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie realisiert unter anderem Arbeiten in den Bereichen Collage, Video, Keramik, Textildruck und Performance.
«Ich durfte 2021 vier Monate in Paris verbringen, im Atelier des Kantons Zürich.» Dort fand sie nicht nur ihr persönliches Glück mit ihrem Partner, für ihre Arbeit «Who the f*** is Karen? (don't show feelings)» gewann sie zudem 2022 den Werkbeitrag des Kantons Zürich.
Der Name Karen wurde zum Synonym für einen bestimmten Typ Frau, die weiss, privilegiert und selbstbezogen ist. Müller thematisiert dies mit einer erfundenen Video-Therapiesitzung. «Mir geht es darum, herauszufinden, wie Partizipation bei veränderten Strukturen stattfinden kann und wie wir uns in dieser Welt orientieren.»
Und so hoffentlich aus jeder Schlaufe wieder herausfinden.
Claudia Naef Binz
www.johannamueller.net
www.hek.ch
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