Chläuse
nahmen am Sonntag die Altstadt in Beschlag.
Felix heisst auch Amélie. Amélie Putain ist seine Kunstfigur als Dragqueen und als solche wünscht er sich mehr Drag für Winti.
Verwandlung Es sind zwei Welten, die Felix B. aus Winterthur in sich vereint: Da gibt es das Biedere, das Geordnete, das Bünzlitum. So auch im Gespräch mit der «Winterthurer Zeitung»: Mit einem weissen Pulli, blauen Jeans, der schlichten Brille wirkt Felix unauffällig. Doch da gibt es eine andere Welt und seine Augen blitzen auf, wenn er davon erzählt. Es ist eine Welt voller Farben und voller Glamour. Felix B. pendelt zwischen seinem bürgerlichen Leben als Lehrer an einer Sonderschule in Winterthur und einem als Dragqueen. Regelmässig schlüpft er in die Rolle der Kunstfigur Amélie Putain.
Obwohl er – und das ist selten – davon leben könnte, kann sich Felix nicht für das eine oder andere Leben entscheiden. «Ich liebe den Kontrast. Ich bin eigentlich ein absoluter Spiesser, mit Jäten am Samstagmorgen und so», sagt er. Die Welt als Travestie-Showgirl sei hingegen aufregend, da ist ein Funke. «Ich bin aber auch gern Lehrer. Es ist schön, am Montagmorgen mit flachen Schuhen zur Arbeit zu gehen. Das Leben als Drag kann sehr schmerzhaft und unangenehm sein», sagt er mit einem Schmunzeln.
Die Verwandlung von Felix in Amélie dauert bis zu drei Stunden, wobei das Make-up am meisten Zeit in Anspruch nimmt. Hat er die Maske auf, dann geschieht etwas Magisches. Es ist auch eine Verwandlung im Innern. «Die Rolle hat etwas Erhabenes, Majestätisches. Die Leute reagieren auch anders, sie machen mir Platz, wenn ich durch die Stadt gehe. Das würde mir sonst nie passieren», so Felix. Felix ist schwul, er steht auf Männer. Das trifft zwar auf viele Drags zu, aber man muss nicht homosexuell sein, um als Dragqueen aufzutreten. «Drag ist eine Kunstform, ich ziehe einfach ein Kostüm an», so Felix.
Als Dragqueen steht die Show im Vordergrund. Amélie Putain tritt mit ihrem Programm in der ganzen Schweiz auf – und darüber hinaus. Das aktuelle Programm «Zucker, Brot und Peitsche», bei dem Amélie mit einer Opernsängerin auf der Bühne steht, geht bald in die zweite Runde. Drag Shows richten sich nicht nur an queere Menschen, sie richten sich an «erwachsene Personen, die sich gern in einem Theater mitreissen lassen. Es ist eine Cabaret-Show mit Akrobatik-Elementen, Feuerspucken oder Jonglieren. Drags sind ein bisschen wie ein moderner Clown.»
Eine grosse Ehre für Felix war der Auftritt im «Pulverfass» in Hamburg. Es ist eines der ältesten und renommiertesten Drag- und Travestie-Theater Europas und hat über Jahrzehnte hinweg die Kunstform massgeblich geprägt. Kunstschaffende aus der ganzen Welt treten dort auf, und für viele ist es eine Art Ritterschlag, auf dieser Bühne zu stehen. «Es ist eine andere Welt und die macht mega Spass», so Felix. In seinem Podcast «Drags uncut» plaudert er offen aus dem Leben einer Drag.
Der Funke für die Drag-Szene zündete schon in seiner Jugend. Als er vor 16 Jahren aus Deutschland in den ländlichen Thurgau kam, gab es keine Berührungspunkte zur queeren Szene. An der Kanti verfolgte er den aufkommenden Trend via Youtube-Videos. «Ich war mega beeindruckt, wie die verkleideten Personen aus den USA immer mehr zu Berühmtheiten wurden», erinnert sich Felix.
Davon inspiriert, probierte er seine erste Verwandlung aus. «Es waren Sommerferien und mir war stinklangweilig», so Felix. Die Drag-Welt liess ihn nicht mehr los und wurde seither in seinem Leben immer grösser. Dann kam der erste öffentliche Auftritt. Mit einem Kollegen fuhr er im Auto nach Schaffhausen in den Ausgang. «Es war mega aufregend und auch beängstigend», blickt er zurück. Aus Angst vor körperlichen Angriffen reist er auch heute noch meist mit dem Auto in die Clubs und nicht mit dem ÖV. «Schade eigentlich, ich würde gern mehr Drags in der Öffentlichkeit sehen.» Als Amélie hat Felix auch schon diskriminierende Anfeindungen erlebt. «Meist sind es Sprüche im Vorbeigehen», so Felix.
Tatsächlich könnten künftig Dragqueens die Stadt Winterthur bunter machen. Felix wünscht sich mehr Travestie für Winti. Erste Gespräche für Shows seien am Laufen, aber noch nicht spruchreif. Felix sieht sich hier als Pionier in der Drag-Szene in Winterthur, die noch sehr überschaubar ist. «Ich sehe mich als Drag-Ikone von Winti. Es ist schade, dass es in der sechstgrössten Stadt der Schweiz wenig Shows gibt», findet Felix. Winterthur könnte künftig also nicht nur Velo- und Gartenstadt, sondern auch Drag-Stadt werden.
⋌Sandro Portmann
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