Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
«Lehrlinge ihre Ausbildung, Behandlung und Fürsorge von Ch. Schaer, 1942, erschienen im Selbstverlag des Verfassers. Bild: Aus dem Sulzer Lehrmeisterratgeber
Man solle die Jugendlichen gerecht, aber streng behandeln und erziehen, fand der Sulzer Lehrmeister Charles Schaer 1953 in seinem Ratgeber.
Zeitsprung Während heute über mehr Ferien für Lehrlinge diskutiert wird, debattierten Lehrmeister und Bildungsbeauftragte in den 60er Jahren zu ganz anderen Themen. Dies zeigt eindrücklich der Ratgeber für Lehrmeister von Sulzer Lehrmeister Charles Schaer aus dem Jahr 1953. Wie mit den Lehrlingen genau umzugehen sei, darüber wurde in den 50er Jahren hitzig diskutiert. Experten wie der Leiter des kantonalen Amtes für Berufsbildung Hans Chresta oder der Berufspädagoge Erwin Jeangros mischten sich ein, Arbeitspsychologen, darunter nur wenige Frauen, hohe Bundesbeamte, kantonale Lehrlingsinspektoren, Lehrer, sogar Philosophen und Soziologen.
Der Winterthurer Charles Schaer hingegn war ein Praktiker, Lehrmeister vor allem in der Maschinenindustrie (Sulzer), wo er sich unter anderem mit der Neuorganisation der Abläufe befasste. Charles Schaer war auch Mitglied des Vorstands des Winterthurer Lehrlingpatronats, kannte also auch die Nöte der Berufsanfänger. Im Jahre 1953 wandte sich der Lehrmeister als «Lehrlingsvater» in einer im Eigenverlag erschienenen Schrift mit Empfehlungen zur «Lehrlingserziehung» an Lehrmeister, Lehrlingsfürsorger und an (besorgte) Eltern.
Die Historikerin Lena Freidorfer hat in ihrer Doktorarbeit zur jüngeren Geschichte des schweizerischen Lehrlingswesens die Forschung auf diese wichtige Schrift aufmerksam gemacht. Wie sie bemerkt, hat Charles Schaer «Lehrtöchter» mit keinem Wort erwähnt, denn Sulzer bildete vor allem männliche Jugendliche aus. Viele der Lehrlingen seien in den Betrieben von den Lehrmeistern vernachlässigt worden und als zu «Hilfsdiensten» (beispielsweise Botengänge) angehalten und wurden somit auch als willige Arbeitskräfte missbraucht, so die Historikerin. Dabei würden die Lehrlinge während der Lehre eigentliche «Schicksalsjahre» durchlaufen. Manche Lehrlinge fühlten sich in ihren «Fähig- und Fertigkeiten» unterschätzt, was sie zusätzlich frustriere. Die Lehrmeister würden leider nur selten die spezifischen Lebensbedingungen und familiären Probleme ihrer Anvertrauten berücksichtigen. Manche Jugendliche wuchsen in geordneten Verhältnissen auf, in funktionierenden Familien mit sorgenden Eltern, andere leider nicht. Der Alkoholismus grassiere in manchen Familien, zudem könnten Eltern oder Geschwister krank oder Väter als «Monteure» häufig ortsabwesend sein.
Manche arme junge Männer müssten sogar ihr Zimmer mit den Eltern teilen und verfügten somit über keinen privaten Rückzugsort, könnten sich auch keine so wichtigen Fachbücher oder Fachhefte leisten. Wer zuhause «verschupft» aufwachse, wolle dies vielleicht am Arbeitsplatz oder im Wirtshaus kompensieren und den grossen Max markieren.
Der Sulzer Lehrmeister Charles Schaer plädierte in seinem Ratgeber für eine strenge Kontrolle des Freizeitverhaltens der Lehrlinge durch Eltern und durch den Lehrmeister. Man solle die Jugendlichen gerecht, aber streng behandeln und erziehen. Schärs Forderungen wurden in den Lehrverträgen der Firma Sulzer umgesetzt. Der Lehrmeister sollte das «aussergeschäftliche Verhalten des Lehrlings» einer rigiden Kontrolle unterziehen, um zu verhindern, dass dieser in der Freizeit Kneipen oder neumodische, unsittliche Bars aufsuche. Mit dem Lehrlingslohn sollte der Lehrling an das in Arbeiterfamilien knapp bemessene Familienbudget beitragen, den Eltern also Geld für Essen, Wäsche und Bett abgeben. Die Eltern wiederum sollten dem Sohn ein angemessenes «Sackgeld» aushändigen. Die Belastungen im Haushalt oder auf dem Hof sollten nicht zu hoch sein.
Auch das Interesse an Sportvereinen, «Schundheften» oder am Kino dürfe nicht «überwuchern», der junge Mann sei generell von Alkohol, Tabak und übertriebenem Schokoladekonsum fernzuhalten. Wer pfusche oder Material beschädige (kaputtes Sägeblatt etc.), sei mit Lohnabzügen zu bestrafen. Eine Ohrfeige zur rechten Zeit habe ohnehin noch nie geschadet. Charles Schaer sprach sich also für Körperstrafen in der Lehre aus. Sein Idealbild des Verhältnisses zwischen Lehrmeister und Lehrling ist also ein paternalistisches, wie der Fachbegriff dafür lautet.
Gottlob machte die Maschinenindustrie und Sulzerin den Jahren danach nicht nur technisch grosse Fortschritte sondern auch pädagogisch. Heute beschäftig sich die Schweiz mit der Frage, wie viele Ferien für Lehrlinge angemessen sind. Eine Petition für acht Wochen Ferien in der Berufslehre ist im August mit 176 447 Unterschriften an den Bundesrat übereben worden.
Dieser Gastbeitrag stammt von dem Historiker Fabian Brändle
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