Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Irgendwo im rötlichen Pflaster der Marktgasse werden die Stolpersteine eingefügt.
Im März 2022 erhält die Marktgasse drei Stolpersteine für jüdische Opfer des Völkermords im Zweiten Weltkrieg. Sie sind auch Zeichen der Hoffnung.
Gedenken Im März 2022 erhält die Marktgasse drei Stolpersteine für jüdische Opfer des Völkermords im Zweiten Weltkrieg. Sie sind auch Zeichen der Hoffnung Gedenken Manchmal fällt Chanukka auf Weihnachten. Nicht dieses Jahr. Weil der jüdische Kalender gegenüber der modernen Zeitrechnung verschoben ist, feierten Jüdinnen und Juden ihr Lichterfest schon zu Anfang des christlichen Advents. Chanukka ist ein Fest der Hoffnung. Es zelebriert die Wiederkunft des Lichts, auch und gerade im übertragenen Sinn. Während acht Tagen leuchtet jeden Abend eine Kerze mehr.
Der Holocaust übersteigt jede Möglichkeit der Beschreibung. Man könnte höchstens die Vernichtungslager Orte auf Erden nennen, wo es kein Licht mehr gab. Allen, die in den Jahren 1942 bis 1945 dorthin deportiert wurden, Männern und Frauen, Kindern und Greisen, war der Tod bestimmt. «Es ging den Nationalsozialisten nicht nur darum, möglichst viele Jüdinnen und Juden zu töten. Ihre Namen wollten sie tilgen, die Erinnerung an sie auslöschen», sagt Olaf Ossmann, Präsident der Israelitischen Gemeinde Winterthur.
Laut Ossmann gelang die Auslöschung fast. Jüdische Intellektuelle, die nach dem Krieg in die neue Bundesrepublik Deutschland eingeladen wurden, seien erschrocken: «Es war, als hätte es nie einen Holocaust gegeben und nie eine jüdische Bevölkerung.» Es dauerte bis 1992, bis das Kölner Künstlerpaar Gunther und Katja Demnik mit kleinen Messingplatten im Strassenpflaster an die Opfer des Völkermords erinnerte, deren Namen in Erinnerung geblieben sind. Dreissig Jahre später erreichen die Stolpersteine Winterthur. Natürlich wird niemand mit den Füssen über die Messingplatten stolpern. Ossmann sagt: «Die Stolpersteine sollen den alltäglichen Gedankenfluss ins Stottern bringen». So dass man sich fragt: Was war hier los, in diesem Haus an der Marktgasse? – Da, wo die Winterthurer Stolpersteine wahrscheinlich hinkommen.
Die drei geplanten Winterthurer Stolpersteine stehen für Therese Levitus sowie ihre beiden Töchter Bertha und Lina. Die drei wohnten von 1893 bis 1908 zusammen mit dem Vater und drei weiteren Geschwistern in Winterthur, zuletzt im hinteren Teil des Hauses in der Marktgasse. Es war ihr letzter fester Wohnort. Der Vater verliess die Familie, zog in die Ostschweiz und später in die USA, wo er früh starb. Die übrigen Familienmitglieder tauchten abwechslungsweise in Zürich, in der Ostschweiz und im Aargau auf. Sie gehörten zur ärmsten Bevölkerungsschicht. Die Mutter, eine geborene Dreifuss, stammte aus Endingen, einem der jüdischen Dörfer bei Baden. Der Vater Karl Levitus kam aus Ebersheide (Svinare) in der Nähe von Prag. Nach 1918 war er Bürger der neu gegründeten Tschechoslowakei. Die Schweizerin Therese Dreifuss wurde durch die Heirat ebenfalls Bürgerin dieses Staates. In ihrer Not vermietete sie Zimmer für Liebesstunden, was im Kanton Zürich verboten war. Deshalb wurde sie trotz Schweizer Heimat 1923 in die Tschechoslowakei ausgewiesen. Bertha und Lina folgten ihr.
Der Rest ist Geschichte. 1939 besetzten deutsche Truppen Prag und Umgebung. Praktisch alle tschechischen Juden wurden ermordet. Die Vernichtungswut der Nationalsozialisten war ebenso pedantisch wie erbarmungslos. Menschen, die den Holocaust trotz allem überlebt haben, erzählen oft richtige Wundergeschichten. Ein kleiner Zufall, ein einzelner Mensch erlaubten es manchmal, dem Dunkel zu entkommen. Für Therese Levitus und ihre Töchter Berta und Lina gab es dieses Wunder nicht.
Die wenigen Überlebenden des Holocaust haben die Erinnerung gerettet. Sie lebten weiter, in Israel, in den USA, in der Schweiz und auch wieder in Deutschland, sie hatten Kinder, Enkel und Urenkel. Dadurch gelang es, immer mehr Opfer ausfindig zu machen, und ihnen Stolpersteine zu setzen. Doch Ossmann sagt: «Wenn es darum ginge, in einigen Ländern im Osten Europas Stolpersteine zu setzen, wäre ich strikt dagegen. Der Gedanke, dass sie Opfer von Vandalenangriffen werden, ist unerträglich.» Die Welt ohne Licht ist noch immer nicht verschwunden.
Jerusalem war bis im Jahr 164 v. u. Z. lange Zeit griechisch besetzt gewesen. Im Tempel war das heilige ewige Licht fast erloschen. Das letzte Öllämpchen brannte noch acht Tage – gerade noch lang genug, um neues geweihtes Öl zu gewinnen. Die acht Kerzen am Chanukka-Leuchter stehen für diese acht Tage, die neunte Kerze, für das Lämpchen, mit dem das neue Licht angezündet wurde. Wenn sie neu sind, wirken auch die Stolpersteine wie Lichter. Ossmann zeigt auf seinem Handy eine Seite, auf der alle Stolpersteine Europas aufleuchten. Zusammen wirken sie wie ein Sternenhimmel oder wie eine grosse Zahl von Weihnachts- und Chanukka-Kerzen. Das Licht kommt zurück.
Christian Felix
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