Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Dank minimalistischem Bühnenbild kommt das Ensemble voll zur Geltung. Foto: Michael Hotz
Das Junge Theater Winterthur nimmt sich mit «Nichts, was im Leben wichtig ist» dem Sinn des Lebens an, ohne Antworten zu liefern. Heute und am Sonntag sind die letzten Aufführungen.
Winterthur Ein Jugendbuch, so radikal, dass es an Schulen in Dänemark zunächst verboten wurde. «Nichts, was im Leben wichtig ist» verstört, bricht mit Tabus und ist brutal. Weil der im Jahr 2000 erschienene Roman der dänischen Autorin Janne Teller auch wahrhaftig, aktuell und gedankenanregend ist, wurde er mit Preisen überhäuft und von der Presse gefeiert.
Es sind diese Attribute, die das Junge Theater Winterthur davon überzeugt hatte, das Werk auf der Bühne umzusetzen. Das Ensemble aus Nachwuchsschauspielenden zwischen 17 und 24 Jahren feierte mit ihrer Fassung am Dienstag Premiere im Theater am Gleis. Heute Donnerstag und am Sonntag sind weitere Aufführungen. Die Radikalität und die Zuspitzung der Ereignisse faszinieren den Regisseur Mathias Ott besonders am Jugendbuch Janne Tellers: «Sie hat die Geschichte zu Ende gedacht. Die überraschende Wendung am Schluss führt zu einer zweiten Tragödie, die perfekt in die heutige Zeit passt.»
Der Plot von «Nichts, was im Leben wichtig ist» beginnt ziemlich harmlos. Der 14-jährige Pierre Anton verlässt seine Klasse mit den Worten: «Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.» Seine Mitschüler sind ob der nihilistischen Radikalität des Kollegen geschockt. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, sammeln die Jugendlichen alles, was ihnen lieb ist, auf dem «Berg der Bedeutung». Ihr Vorhaben verkommt immer mehr zu einem Experiment voller Grausamkeiten und Hass. Bald gibt es kein Halten und keine Grenzen mehr. Selbst Tiere, später ein Finger und sogar die Unschuld eines Mädchens werden geopfert.
Über allem schwebt die Frage nach der Bedeutung der Welt, dem Sinn des Lebens. Das Werk liefert keine klaren Antworten, diese muss sich auch beim Theaterstück jede Besucherin und jeder Gast selber für sich finden. Darum ist Ott wichtig, dass seine Fassung für alle verständlich ist: «Unsere Aufführungen werden nicht elitär daherkommen. Wir wollen alle mitnehmen, damit sie das Stück richtig erfahren können.»
Für ästhetische Konsistenz auf der Bühne sorgt Ott mit einem minimalistischem Bühnenbild. Damit rückt er das Ensemble ins Zentrum, das Publikum soll sich aufs Schauspiel fokussieren und nicht auf die Kulisse. Die Schauspielenden können sich so voll entfalten. «Sie sollen möglichst viel Spass auf der Bühne haben», so Ott. Darauf legte der 33-jährige Regisseur auch Wert, als er sich mit der Umsetzung des Buches als Theater befasste. Er erweiterte die Bühnenfassung von Andreas Erdmann, die acht Rollen beinhaltet, um vier Protagonisten, damit alle zwölf Mitglieder des Ensembles zum Zug kommen. «Ich habe auf eine homogene Rollenverteilung geachtet. Alle Schauspielenden haben wichtige Aufgaben», führt Ott aus. Weil er die Hautrolle des nihilistischen Querulanten mit Nadine Hochstrasser besetzte, kam er etwas in Clinch mit dem Verlag. Eigentlich wollte er die Hauptfigur mit einem weiblichen Namen versehen, wurde dann aber zurückgepfiffen. Als blieb Pierre Anton bestehen. «Wir waren in den Proben schon recht fortgeschritten, die Schauspielenden mussten sich dann an den neuen, alten Namen gewöhnen», sagt Ott schmunzelnd.
Eigentlich hätte das Junge Theater das Stück bereits Mitte April gespielt. Aber dann kam Corona. «Das Theater am Gleis hat sich sehr bemüht, uns doch noch Aufführungsgelegenheiten zu geben», gibt sich Ott dankbar. Bei den Vorstellungen setzen er und das Theater am Gleis auf Contact Tracing. Die Besucher müssen also Name und Kontakt via einer App angeben. Zudem herrscht Maskenpflicht, dafür darf der Saal gut gefüllt werden. Er sei gespannt auf die Aufführungen vor Maskenpublikum, sagt Ott: «Wir sind jedenfalls bereit.»
Michael Hotz
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