Goldjungs
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«Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini». Bild: Xenix
Filmregisseur Thomas Haemmerli legt mit seinem Film ein Psychogramm des Immobilienunternehmers und manischen Sammlers vor.
Filmporträt Menschen bauen sich ein Nest. Geflochten wird es aus der Familie, der Arbeit, dem Freundeskreis oder der finanziellen Sicherheit. Auch Bruno Stefanini (1924 – 2018), Winterthurer Unternehmer, Immobilienbesitzer und Multimillionär, baute sich ein Nest, zwanghaft, fast schon gefrässig. Er kaufte Schlösser, Liegenschaften und Bunker zusammen; er legte sich manisch eine Sammlung an, die selbst für ihn irgendwann auszuufern begann, die gleichsam zu einem unkontrollierbaren Seelenausfluss mutierte. Kunst und Panzer, Uniformen, Spielzeug oder Skulpturen gehörten ebenso zu diesem undurchdringlichen Universum wie der Mantel von General Guisan, die Felddusche aus dem Reiseequipment von Kaiser Wilhelm II. oder die Unterwäsche von Kaiserin Sisi. Die Nest-Metapher stammt eigentlich von Bruno Stefaninis Ex-Frau Veronika Stefanini: «Er war wie ein Vogel, der sich ein Nest baut.» Bruno Stefanini wollte Sicherheit, er hortete, sagt seine Ex-Frau, aus einem «Verlassenheitssyndrom» heraus.
Der Zürcher Regisseur Thomas Haemmerli hat sich nun mit seinem Dokumentarfilm «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» an eine Auslegeordnung und Entflechtung dieser komplexen und widersprüchlichen Persönlichkeit gewagt. Der Film, der bereits im Januar Premiere an den Solothurner Filmtagen feierte, kommt am 20. März in die Kinos. Für Haemmerli ist die Stefanini-Saga im Grunde ein Heimspiel – fast schon ein Glücksfall. Immerhin vereint sie zwei Themenfelder, auf die sich der Filmemacher spezialisiert hat. In «Sieben Mulden und eine Leiche» (2007) setzte er sich mit dem Messie-Syndrom seiner eigenen Mutter auseinander; in «Die Gentrifizierung bin ich. Beichte eines Finsterlings» (2017) beleuchtete er unter anderem die Abgründe des Immobiliengeschäfts und der Stadtentwicklung. Messie-Syndrom und Immobiliengeschäft, es sind die beiden Pole, zwischen denen das Leben des Bruno Stefanini mäanderte. «Er war ein Messie, der zwanghaft Krempel anhäufte, der ihm am Ende über den Kopf wuchs. Das interessierte mich, weil meine Mutter ein Messie war, die uns eine Horrorwohnung hinterlassen hat», sagt Haemmerli.
Der Film rollt das Leben des Bruno Stefanini minutiös auf und gibt dabei auch dem Humor seinen Raum. Nur mit Humor, so die Devise des Regisseurs, könne man den «Zumutungen des Lebens» begegnen. Zu Wort kommen neben Stefaninis Ex-Frau Veronika unter anderem auch seine beiden Kinder Bettina und Vital Stefanini, die erste Freundin Rina Holzer-Betti, Ernst Wohlwend, der ehemalige SP-Stadtpräsident von Winterthur, Komiker Viktor Giacobbo, der ehemalige Hausbesetzer Dominique Berrell oder alt Bundesrat und Kunstsammler Christoph Blocher.
Gleich zu Beginn des Films wird das «Verlassenheitssyndrom», das sich in Stefaninis Seele eingenistet haben soll, ausgeleuchtet. Seine Eltern – der Vater Italiener, die Mutter Schweizerin – führten das Restaurant der Società Cooperativa italiana an der Winterthurer Marktgasse. Im Haus Stefanini wurde jeder Rappen umgedreht, es herrschte ein hartes Arbeitsethos, ein Klima, in dem die Kinder sich selbst überlassen wurden. Und irgendwann kam der Bruder ins Internat. In dieser Zeit begann Bruno Stefanini, sich sein Nest zu bauen mit Dingen, die nur ihm gehörten und die er nicht mehr loslassen würde: Briefmarken, Schokoladenschachteln, Steinfels-Sammelbildchen, Muscheln, Steine. Thomas Haemmerli schürft tief, entfaltet das Psychogramm eines allzu früh Getriebenen.
Als junger Mann, nach dem Militärdienst und dem Abbruch des Naturwissenschaftsstudiums an der ETH, bricht sich die zweite «Sammelwut» Bahn. Bruno Stefanini beginnt, Liegenschaften aufzukaufen, in der Stadt Zürich beispielsweise an der Kyburgstrasse in Wipkingen, an der Hildastrasse in Aussersihl oder an der Susenbergstrasse in Fluntern. In Winterthur wird ihm bald die halbe Altstadt gehören. Und er beginnt mit einem klaren Blick für die gesellschaftlichen Herausforderungen in Zeiten der Wohnungsnot zu bauen. In Spreitenbach und Wettingen zog er mit seinen Partnern Wohntürme mit tiefen Mieten hoch. Das Stefanini-Immobilienportfolio expandierte scheinbar unbegrenzt und gipfelte schliesslich im Kauf des Sulzer-Hochhauses als Wahrzeichen Winterthurs. Seine Liegenschaften allerdings liess er nur selten sanieren. Es bürgerte sich bald der Begriff «Stefanini-Haus» ein als Synonym für heruntergekommene Fassaden und Dächer. Hier drohte eine Mauer einzustürzen, dort fielen Ziegel auf die Strasse. Stefanini-Häuser wurden zu einem Eldorado für Hausbesetzer.
Das Immobiliengeschäft diente Bruno Stefanini aber ohnehin nur als Steigbügelhalter für seine wahre Mission. Die auf über 100 000 Objekte angewachsene Sammlung wollte er in ein zentrales «Museum über die Kulturgeschichte des Abendlandes» überführen und gründete dazu die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG). Als Standort für sein Traum-Museum sah Bruno Stefanini das von ihm aufgekaufte Schloss Brestenberg am Hallwilersee im Aargau vor. Für die Lagerung liess er unter dem Schloss einen gigantischen, 14 000 Quadratmeter grossen Bunker errichten. Das Museum allerdings wurde nie Realität. 1993 stoppten die Bauarbeiten, und das Schloss wurde sich selbst überlassen. Bruno Stefanini sammelte unbeirrt weiter.
Thomas Haemmerli zeichnet in seinem Filmporträt die Widersprüche von Stefaninis Persönlichkeit nach. Einerseits war er der fast schon besessen sparsame Geschäftsmann, der mit seiner Sekretärin jeden Sonntag selbst die kleinsten Ausgaben der Handwerker und Hausmeister akribisch kontrollierte; andererseits war er selbst ein «Spät- oder Gar-Nicht-Zahler», wie es im Film heisst, der sich mit Betreibungen von Handwerkern oder Lieferanten herumschlug. Einerseits war er ein gewiefter Verhandler und hatte ein empathisches Gespür für die Menschen und ihre Bedürfnisse; andererseits verlor er in seiner Sammel- und Hort-Manie sich selbst und die Welt um sich herum immer mehr aus dem Blick.
Was vom 2018 verstorbenen Bruno Stefanini bleibt, umreisst seine Tochter Bettina Stefanini gleich zu Beginn des Films: «Er hat uns eine Stiftung mit 2200 Wohnungen, einem Bürohochhaus, über 100 000 Objekte und ganz viele Pendenzen hinterlassen.» Aktuell ist die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte daran, die Bestände der Sammlung zu sichten und einzuordnen. Digitalisiert und online einsehbar sind derzeit 63 431 Objekte (digital.skkg.ch).
Jan Strobel
«Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» läuft ab 20. März im Kino Cameo Winterthur
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