Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Ursula Bienz unterhält sich mit den Sackpuppen aus «Am Ufer der Nacht.» Bild: cf
Selbst mit einfachsten Gegenständen kann das Figurentheater Winterthur eine spannende Geschichte erzählen. Dazu braucht es aber mehr als nur Spiellust.
Bühnenpuppen Ein Mensch am Küchentisch und eine Kartoffel. Sie oder er nimmt die Kartoffel in die Hand und führt sie über die Tischfläche. Die Kartoffel sagt, mit der Stimme des Menschen: «Wieso hat man mich aus der schönen Erde ausgegraben? Was mache ich hier?» In diesem Augenblick vollzieht sich ein magischer Akt. Die Kartoffel wird zur lebendigen Figur. Sogar ohne dass man ihr Augen und Mund in die Schale geritzt hätte. Es ist ein kleines Theater, das alle spielen können. Kinder tun es.
«Nicht nur Menschen können eine Geschichte auf der Bühne darstellen, sondern auch scheinbar Lebloses wie Puppen, Steine, Bilder, Kartoffeln», so formuliert es Ursula Bienz. Seit 2001 leitet sie das Figurentheater im Waaghaus. Die Bühne besteht seit 1971. Bereits zehn Jahre zuvor gab es ein Ensemble, das sich «Winterthurer Marionetten» nannte. Es wurde von Peter und Trudi Bienz gegründet, den Schwiegereltern von Ursula Bienz. Sie spielte schon mit 15 Jahren im Ensemble mit. Unter der Leitung von Bienz ist das kleine Winterthurer Theater zu einer über die Landesgrenzen hinaus bekannten Spielstätte für Aufführungen mit Figuren geworden. Es hat ein eigenes Ensemble und bietet immer wieder Gastauftritte.
«Spielen mit Figuren ist wie musizieren mit einem Instrument . Genauso wie in der Musik braucht es für das Figurenspiel viel, sehr viel Übung», sagt Bienz. Dabei ist die Technik nur die eine Seite. Natürlich müssen die Akteure hinter den Figuren geschickt die Fäden der Marionetten ziehen, natürlich müssen die Finger in der Handpuppe feinste Bewegungen ausführen. Das Schwierigste und das Entscheidende liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Binz sagt: «Als Spielerin muss ich meine Lebendigkeit ganz in die Figur legen und mich selbst unsichtbar machen.» In den klassischen Aufführungsformen mit Handpuppen oder Marionetten ist ausser den Figuren niemand auf der Bühne zu sehen. Im modernen Figurentheater jedoch gibt es Spielformen, bei denen die Menschen hinter den Figuren optisch sichtbar sind. Besonders in einem solchen Fall muss die Spielerin aus dem Kopf des Publikums verschwinden. Nur so funktioniert die Magie des Figurentheaters, nur so erschafft sich die Fantasie der Menschen auf den Zuschauerrängen ihre eigene, lebendige Geschichte.
Wie auch Bühnenschauspieler haben die Figuren auf der Bühne ihre eigene Sprache. Früher wurde der Dialog oft ab Tonband gespielt. Heute sprechen bei Live-Aufführung die Spielerinnen und Spieler den Textpart ihrer Figuren meist selbst. Das verlangt eine ähnliche schauspielerische Leistung wie ein Hörspiel. Die Sprache trägt viel dazu bei, dass die Puppen, Marionetten und andere materiellen Dinge beseelt werden und ihre poetische Wirkung entfalten. Eine ganze Generation erinnert sich an das eine Wort aus «Urmel aus dem Eis» der Augsburger Puppenkiste: Die Mupfel (Muschel).
Das Stück «Volpone» ging im Herbst über die Bühne des Waaghauses. Drei durchsichtige Plexiglas-Figuren wurden von Spielenden auf einer schachbrettartigen Bühne bewegt und erzählten ein humorvolles Intrigenspiel. «Die Geschichte funktionierte wunderbar», sagt Bienz. Gerade mit solchen Experimenten zieht das Figurentheater Winterthur ihr Publikum in den Bann.
Ein ausserordentliches Figurenstück nimmt das Figurentheater am 20. Januar wieder in sein Programm auf: «Am Ufer der Nacht». In diesem Stück sind es Sackpuppen, die handeln und sprechen. Das Ensemble hat Säcke aus bleichem Tuch genäht und darüber die Gesichter von alten Menschen gestaltet. Ursula Bienz führt eine solche Sackpuppe über den Tisch vor sich, verschwindet gewissermassen in ihr Inneres und lässt sie sprechen. Und schon ist jener Hochbetagte lebendig, der im Altersheim zwischen Rollstuhl und Kafi Complet seine Tage absitzt. In die Stille hinein fragt er ständig : «Was git’s z’Nacht?» Alle schweigen, alle kennen die Antwort. Doch so ganz abgelöscht sind die alten Menschen dann doch nicht. Alles lassen sie nicht mit sich machen. Das Stück feierte 2005 Waaghaus seine Premiere. Nun nimmt es das Figurentheater zum letzten Mal in sein Programm auf.
Weitere Informationen:
«Am Ufer der Nacht»
Figurentheater Winterthur
20. bis 22. Januar 20:15 Uhr
23. Januar 17 Uhr.
Waaghaus, Marktgasse 25
www.figurentheater-winterthur.ch
Christian Felix
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