Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Yoshi Huggler und Thomas Köhler wollen mit ihrem Heft aufzeigen, wie die Tohoku-Region die schrecklichen Ereignisse vor zehn Jahren gemeistert hat. Foto: Michael Hotz
Am 11. März 2011 löste ein Erbeben Tsunami-Wellen aus, die das Fukushima-Unglück auslösten und Japans Ostküste zerstörten. Yoshi Huggler war damals in Tokio. Zusammen mit Thomas Köhler hat sie nun ein Heft produziert, das die Ereignisse verarbeitet und den Menschen Mut machen soll.
Winterthur «Dieser Augenblick ist in meinem Gedächtnis eingebrannt bis heute.» Auf die Minute genau kann Yoshi Huggler angeben, wann sich ihr Leben auf den Kopf stellte: um 14:46 Uhr am 11. März 2011. Die Tochter eines Schweizers und einer Japanerin sass gerade in der Kudankaikan-Halle in Tokio auf einem Auditoriumsstuhl in der ersten Reihe, als ein riesiger Betonklotz herunterstürzte, der sie und die anderen Absolventen des Tourismus-Lehrgangs unter sich begrub. Huggler überlebte. «Ich hatte einen Schock, aber keine Angst», erinnert sie sich heute zurück. Sie wusste zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, dass dies der Beginn der Dreifachkatastrophe war, die Japan vor genau zehn Jahren erschütterte. Das Tohoku-Erdbeben löste Tsunami-Flutwellen aus, die die japanische Pazifikküste mit voller Gewalt trafen. Mehr als 20000 Menschen starben, 470000 Personen mussten evakuiert werden. Eine der Riesenwellen überflutete das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, was in der Nuklearkatastrophe von Fukushima endete.
Yoshi Huggler hatte Glück. Sie konnte am Tag nach den schrecklichen Ereignissen um 10 Uhr mit der letzten Swiss-Maschine in die Schweiz zurückkehren. Danach plagten sie Schuldgefühle. «Ich fühlte mich, als hätte ich meine Freunde im Stich gelassen.» Sie wollte helfen, sich engagieren. So wie es Thomas Köhler tat. Der Winterthurer Japankenner reiste im Sommer 2011 ins Land der aufgehenden Sonne. 2900 Kilometer marschierte er von Norden nach Süden durch Japan. Seine Erlebnisse hielt er in einem Blog fest, den Huggler aufmerksam verfolgte. Nach seiner Rückkehr 2012 lernten sich die beiden kennen. Heute ist sie als Reiseberaterin bei der japan-ferien.ch GmbH tätig, dem Geschäft von Köhler am Kirchplatz in der Altstadt.
Vor zehn Jahren fügte die Natur Japan eine grosse Wunde zu, jetzt wuchert im Land, ja auf der ganzen Welt, ein Geschwür: Corona. So sieht dies Köhler. Als sich das Virus letztes Jahr immer weiter verbreitete und seine Branche lahmlegte, kamen bei ihm die Ereignisse von 2011 wieder hoch. «Das war ein grosses Frustpaket.» Auch Huggler fühlte sich zurückerinnert. Aber statt zu resignieren, gingen die beiden im Spätfrühling 2020 ein Projekt an, um die Erinnerungen zu verarbeiten und den Menschen Mut zu machen. Sie begannen, ein Heft über die gebeutelte Tohoku-Region an der Ostküste Japans zu verfassen.
Ein gutes halbes Jahr ziemlich intensiver Arbeit haben die beiden in ihr Vorhaben investiert, wie sie sagen. Nun ist das 32-seitige Werk fertig. Vergangenen Montag konnten Köhler und Huggler 1500 Exemplare in der Druckerei abholen. «Ein Tropfen ins Meer» heisst das Heft. Es ist ein Titel mit semantischer Wirkkraft. Der Tropfen steht für eine Träne als Symbol der Trauer, wie Huggler ausführt. Im Zusammenspiel mit dem Meer sei der Titel zudem Ausdruck der Gewalt der Natur. Das erklärt Köhler so: «Der Titel soll ausführen, was für grosse Auswirkungen ein gesamthaft betrachtet eher kleiner Vorfall haben kann.»
Geschichten rund um die Katastrophe von 2011 sind darum wichtiger Bestandteil von «Ein Tropfen ins Meer». Für beide war das Schreiben auch eine Art Therapie. Sie konnten ihre Erinnerungen niederschreiben. «Jetzt sind sie draussen», so Huggler. Das Heft ist aber nicht bloss ein Erinnerungswerk. Es beinhaltet auch Informationen zu Sehenswürdigkeiten, der Kulinarik und der Handwerkskunst der Region, insbesondere der Sanriku-Küste. «Die Gegend ist noch nicht so bekannt. Wir wollen die schönen Seiten von ihr aufzeigen», sagt Huggler, die eigene Texte verfasste und als ausgebildete Grafikerin das Layout machte. Ihr Kollege Köhler, der die meisten Berichte schrieb, ergänzt: «Die Region ist noch sehr naturbelassen. Dort bekommt man als Tourist Japan richtig mit.»
Um das Heft zu produzieren, haben die beiden Reiseberater Geld bei Kunden und Freunden gesammelt. So konnten die Kosten für Druck und Material abgedeckt werden. «Ganz viele Menschen haben uns unterstützt. Das zeigt uns, dass auch sie die Vorfälle von 2011 nicht vergessen haben», freut sich Huggler. Daraus hätten sie viel Motivation für die Arbeit am Heft geschöpft. Köhler sagt, er denke sehr japanisch in Bezug auf Erfolgserwartungen an «Ein Tropfen ins Meer»: «Die Unterstützung, die wir bis jetzt erhalten haben, reicht völlig. Alles, was noch dazukommt, ist ein Plus.»
Michael Hotz
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