Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Das Angebot ist breiter und grösser geworden: Die Leiterin der Bibliothek führt durch ein wahres Warenhaus des Wissens und der Unterhaltung.
Bildung Ein 3D-Drucker fabriziert einen noch nicht erkennbaren Gegenstand. Nebenan sitzt ein Mann in einem Tonstudio und macht eine Aufnahme. Die Nähmaschinen werden gerade nicht benutzt. Draussen ist das Wetter grau. Drinnen wimmelt es von Besucherinnen und Besuchern. So sieht ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag in der Winterthurer Stadtbibliothek aus. «Wir sind eine innovative Bibliothek», sagt die Leiterin der städtischen Bibliotheken, Franziska Baetcke. Sie spricht auch von der Bibliothek 4.0. «Die Stadtbibliothek versammelt Wissen und Information vor Ort.» Darüber hinaus möchte es Baetcke ermöglichen, dass man in der Bibliothek selbst Dinge tun und gestalten kann – natürlich auch mit Hilfe von Büchern. Wer zum Beispiel den 3D-Drucker benutzt, findet in der Nähe die nötige Literatur dazu.
Ernst Britt hat sich im Erdgeschoss in der Leseecke an ein Tischchen gesetzt. «Ich komme gerne in die Bibliothek um die Zeitung zu lesen.» Er hat gerade den «Landboten» aufgeschlagen. «In den Zeitungen gibt es stets wieder Dinge, die man sonst verpassen würde», sagt Britt. Der Fan des HC Rychenberg meint damit nicht zuletzt Sportnachrichten.
Zu Hause mag er die Zeitungen nicht lesen, weil dann zu viel Altpapier anfällt. Mit Online-Zeitungen wiederum kann er sich nicht anfreunden. «Ich mag die Zeitung haptisch lesen, ich habe sie gerne in der Hand.» Manchmal kommt Britt auch mit seinen beiden Kindern im Primarschulalter in die Bibliothek. Dann allerdings hat er keine Gelegenheit, ungestört Zeitung zu lesen.
Im untersten Geschoss haben Bücher für Kinder und Jugendliche ihren Platz gefunden. Bücher gibt es schon für die Kleinsten ab gut einem Jahr. Natürlich sind es in diesem Alter die Eltern, die aus einem Buch vorlesen und mit Bilderbüchern Geschichten erzählen. Baetcke sagt: «Wir von der Stadtbibliothek kümmern uns um die Medienpädagogik.» Das heisst, man zeigt den Kindern, wie sie Bücher und andere Medien gut nutzen können. «Über hundert Schulkassen aus Winterthur kommen regelmässig mit ihren Lehrpersonen zu uns an die Obere Kirchgasse und lernen die Stadtbibliothek kennen.» Um diese Lektionen zu unterstützen und zu begleiten, haben die Winterthurer Bibliotheken das «Biblioheft» entwickelt.
An einem anderen Tischchen sitzt eine ältere Dame. Sie liest die Zeitschrift «Grosseltern». Auch sie selbst ist eine Grossmutter. Ihre fünf Enkel sind zwischen 11 und 21 Jahre alt. Die Dame wohnt in Oberohringen und besucht meistens die Bibliothek in Seuzach. Früher kam sie häufiger an die Obere Kirchgasse, weil sie damals ihren Mann zum Arzt begleitete. «Ich war lange nicht mehr hier. Jetzt ist alles wieder neu.» An diesem Nachmittag überbrückt die Grossmutter die Zeit, bis ihr Tangokurs hier in der Nähe beginnt.
«Die Online-Nutzung der Bibliothek und die physische Medienausleihe halten sich ungefähr die Waage», sagt Baetcke. Unter physische Dinge fallen nicht nur Bücher, sondern auch CD, DVD und, was bei einem Besucher am Schalter auffällt, sogar Mappen mit einer Reihe von Zeitschriften darin. Baetcke sagt: «In letzter Zeit haben wir unser digitales Angebot ausgebaut.» Das hat finanzielle Folgen: «Uns steht von der Stadt her jedes Jahr derselbe Betrag zur Verfügung. Wenn wir einen Titel gleichzeitig als Buch, als Hörbuch auf CD und elektronisch als eBook und eAudio anschaffen müssen, kostet uns das natürlich mehr.»
Wie schnelllebig die Welt geworden sei, zeige sich auch in der Bibliothek. Bücher geraten schnell ausser Mode und werden laut Baetcke oft nach wenigen Jahren wieder ausgemustert. Tatsächlich sieht man im Eingangsbereich Nutzerinnen in einem Flachregal gebrauchte Bücher durchsuchen. Für nur zwei Franken kann man sie kaufen. Inzwischen ist es nach sechs Uhr. Am Schalter bildet sich eine Schlange. Bald macht die Bibliothek zu. «Wir hätten gerne öfter offen, wenn die Menschen ihre Freizeit haben.» Gerade darum nehmen die Winterthurer Bibliotheken am «Wochenende der Bibliotheken» teil.
Samuel Züger hat einen Stapel Bücher auf seinem Tischchen im Kaffeeraum. «Ich arbeite und lerne hier ab und zu.» Er ist für die Brühlgut-Stiftung tätig und studiert für den Abschluss als Fachmann zur Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung. «Ich bin gerne in der Stadtbibliothek. Die Stimmung hier ist lockerer als in den Uni-Bibliotheken. Und im Gegensatz zu einem Café gibt es keinen Konsumzwang.» Züger interessiert sich für Geschichte, Ethnologie und Philosophie. Sein liebstes Thema ist aber Psychologie. «Dabei lerne ich, wie ich funktioniere. Das ist wichtig für meinen Beruf.»
Christian Felix
Mehr Informationen:
www.stadt.winterthur.ch/bibliotheken-winterthur
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