Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
In der Geschichte der Fremdplatzierung von Kindern in Winterthur gibt es blinde Flecken. Ein neues Buch erhellt einige davon.
Sozialpolitik Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte: Kinder, meist aus armen Verhältnissen, die aus ihrem familiären Umfeld weggenommen und fremdplatziert wurden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Leids ist ein Anspruch auf höchster Bundesebene und seit 2016 sogar in einem Bundesgesetz verankert. «Dieses Gesetz bezweckt die Anerkennung und Wiedergutmachung des Unrechts, das den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Schweiz vor 1981 zugefügt worden ist», heisst es im Gesetzestext. Und Leid gab es vieles. Auch in Winterthur. Die Stadt hat hingeschaut und die Geschichte der Kinder- und Jugendheime in den Jahren 1950 bis 1990 durch ein Forschungsteam der ZHAW aufgearbeitet. Nach dreijähriger Arbeit ist 2017 das Buch «Zusammen alleine» entstanden. Während einerseits viel Unrecht aufgedeckt wurde, bleiben andere Kapitel unbeleuchtet.
Ein wenig Licht ins Dunkel bringt das neue Buch der freischaffenden Winterthurer Historikerin Frauke Sassnick Spohn. «Im Kampf gegen die Feinde des Kindeswohls» zeigt das Spannungsfeld zwischen Hilfeleisten und Zwang. Das Buch beleuchtet auf 300 Seiten die Rolle von Armenpflege, Schule und Pflegekinderwesen in Winterthur in den Jahren 1900 bis 1939. «Am Beispiel der behördlich verfügten ‹Versorgung› von Kindern aus armutsbetroffenen Familien in Pflegefamilien werden für die Stadt Winterthur neue Erkenntnisse vorgelegt, welche mithelfen können, gewichtige Leerstellen in der Aufarbeitung zu schliessen», heisst es im Vorwort. Denn im Unterschied zu den Heimplatzierungen sei das Pflegekindwesen auch in jüngsten Studien noch wenig erforscht.
Das Buch ist auch eine Zeitreise. Die Armut im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist in Winterthur gross. Mit dem Farbriklohn eines Arbeiters ist eine Familie nicht zu ernähren. 1912 verschlingen alleine die Ausgaben für Lebensmittel rund die Hälfte des Einkommens. «Ohne den Zusatzverdienst von Mutter – und Kindern – reicht das Einkommen nicht zum Auskommen», heisst es im Buch. Erwerbsarbeit von Frau und Kindern im Arbeiterhaushalt sei nicht eine Frage der Moral, sondern des Überlebens. Doch der zeitgenössische Umgang mit Armut ist ambivalent. Frauen und Kinder, die arbeiten, sind ideologisch nicht erwünscht und verpönt. Mehr noch: Die Erwerbsarbeit der Mutter ist in vielen Fällen Anlass für die Fremdplatzierung von Kindern. «Versucht eine arme Familie, selbstverantwortlich und aus eigener Kraft über die Runden zu kommen, um nicht von öffentlicher Unterstützung abhängig zu werden, droht die Kindeswegnahme. Bleibt die Mutter wegen Betreuungspflichten zu Hause, wird die Familie ‹armengenössig›, wodurch sich das Fremdplatzierungsrisiko via Armenpflege noch erhöht», schreibt Sassnick Spohn im Buch. Armut geht im öffentlichen Diskurs einher mit «Verwahrlosung» und Verbrechen. «Ein weitgehender Generalverdacht gegenüber allen Armen zeigt sich in der pauschalen Vorverurteilung der Betroffenen. Arme Kinder gelten als gefährdet und gefährlich zugleich.» Kinder werden oft präventiv versorgt, noch bevor eine Verwahrlosung Fakt geworden ist. «Das Legitimieren erfolgt mit doppelter Stossrichtung: Schutz der Gesellschaft im nationalen Interesse sowie Sparen um jeden Preis im ökonomischen Interesse.»
Viele der Fremdplatzierungen wurden von den Behörden angeordnet, aber nicht immer. «Arme Eltern werden von der damaligen Armenpflege oft dermassen unter Druck gesetzt, dass sie sich genötigt sehen, ihre Kinder selbst zu versorgen. Die Zahlen machen deutlich, dass es sich hier keineswegs um eine sozialpolitische Randnotiz handelt. Sehr viele Kinder werden von den Eltern selbst fremdplatziert – freiwillig geschieht das nicht – Eltern geben ihr Kind nur weg, wenn sie sich in einer Zwangslage befinden oder von den Behörden direkt oder indirekt zu diesem Schritt gezwungen werden.» 1912 sind im Bezirk Winterthur 453 Pflegekinder registriert, 239 davon sind männlich. 156 der Kinder wurden von den Eltern in Pflege gegeben.
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wird in Winterthur öffentlich über die «Verwahrlosung» der Jugend geschimpft. Zeichen der Verrohung und Familienzerfall würden sich bemerkbar machen. Die von der Stadt aufgeführten Beispiele wären heute aber nicht der Rede wert. «Steinewerfen nach Bäumen», «Naschhaftigkeit» oder «Lesen von Schundliteratur» werden aufgeführt und machen deutlich: Die Jugend hat schlechte Presse und der Ruf nach Gegenwehr wird laut. Wie im Buch beschrieben, steht das Vorbeugen durch Fremdplatzieren hoch im Kurs und hat frühzeitig zu erfolgen – noch bevor sich das adressierte Phänomen überhaupt manifestiert.
Dass es den Kindern bei den Pflegefamilien besser geht, ist oft ein Trugschluss und wird nur mangelhaft kontrolliert. Behörden reden die Situation schön. «Gleichwohl finden sich deutliche Hinweise auf strukturelle Vernachlässigung, Miss᠆handlung oder Ausbeutung von armutsbetroffenen Kindern, die in Pflegefamilien fremdplatziert sind», heisst es im Buch. Nicht selten steht das Kindeswohl auch in der neuen Familie hintenan. «Die meisten Kinder werden von Familien übernommen wegen des Kostgelds, das sie bringen oder wegen der Mithilfe bei der Arbeit», sagt die Autorin. So heisst es im Buch: «Vielen Frauen ersetzt ein solches Kind die Magd.» 1935 bewerben sich 120 Familien in Winterthur bei der Armenpflege darum, als Pflegeeltern ein Kind aufzunehmen.
Am Buch hat die Winterthurer Historikerin Frauke Sassnick Spohn mehrere Jahre gearbeitet und hat dabei die Forschung zur Aufarbeitung der Geschichte miteinbezogen. Im Gespräch mit der «Winterthurer Zeitung» sagt sie: «Es ist viel Leid passiert.» Auch wenn sich heute vieles geändert habe, so seien die Spannungsfelder in der Sozialpolitik noch gleich. «Auch heute müssen die Behörden bei Massnahmen im Zwangskontext zwischen Schutz des Kindes und Selbstbestimmung abwägen», sagt sie. Und sie macht auf blinde Flecken aufmerksam. «Das Thema Leaving Care, also der Weg aus der Fremdplatzierung in die Selbstständigkeit, ist noch wenig belichtet. Hier gibt es neben Forschungslücken auch aktuellen politischen Handlungsbedarf», sagt sie.
Sandro Portmann
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