Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
«Der Sportreporter und die Philosophen» ist eine Parodie, eine Autobiografie light und eine Kurzpräsentation der grössten Denker der Geschichte.
Tiefgang Zwei Herzen schlugen während seines ganzen Berufslebens in Beni Thurnheers Brust. Eines für die tollen Spitzensportler, das andere für die genialen Denker. Eines für Beckham, eines für Bacon. Eines für Zidane und eines für Zenon. Das eine für Kahn, das andere für Kant.
Mit seinem Buch «Der Sportreporter und die Philosophen» konnte der 74-jährige Fernsehmacher aus Seuzach nun endlich auch die Bedürfnisse seines zweiten Herzens stillen. Dabei führt er fiktive Interviews mit den namhaftesten Philosophen der Weltgeschichte.
Guten Morgen Herr Thurnheer, wie geht es Ihnen heute?
Beni Thurnheer: Gut, obwohl es gestern Abend auf der Schützenwiese etwas später wurde. Der FC Winterthur hat in der 93. Minute gegen den FC Zürich gewonnen. Sie können sich vorstellen, dass da noch ein wenig nachgefeiert wurde.
Wie im Fussball grätsche ich hier einfach mal rein: In Ihrem Buch fragen Sie Darwin, ob er von einem Affen abstamme, Nietzsche, ob er ein Nazi sei, und Sie erinnern Buddha subtil an seine Fettleibigkeit. So funktioniert Boulevardjournalismus. Ist Ihr Buch Schund?
Nein, das denke ich nicht, da diese Fragen ironisch gemeint sind und das Buch eine Parodie auf den Boulevardjournalismus ist. Darüber hinaus funktionieren nicht nur Boulevardmedien, sondern auch seriöse Medien so. Der Titel muss reisserisch sein, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Einstieg von so manchem Medienbeitrag ist zwar boulevardesk, der Beitrag selbst aber nicht Schund, da der Inhalt gut ist. Das ist mir hoffentlich auch gelungen.
Was war das Ziel mit diesem Buch?
Das Wort «Philosophie» schreckt viele Leute ab. Das Thema scheint dann gleich entweder zu hoch oder langweilig zu sein. Dabei interessieren sich alle für die grossen Lebensfragen. Ziel war es – und das habe ich mit allen Mitteln probiert – die Hemmschwelle zur Philosophie so tief wie möglich zu halten.
Haben Sie lange daran gefeilt?
Ja, sehr lange. Aber ich hatte auch viel Zeit. Das Buch entstand in der Pandemie und ich war bereits in Pension. Da dachte ich mir: Super, das füllt meinen Tag aus!
Erzählen Sie von Ihrem Werk: Wie ist es zustande gekommen?
Ich habe während Corona ein Buch über die 50 grössten Philosophen geschenkt bekommen und mit grossem Interesse gelesen. Ich habe aber immer gleich wieder vergessen, wer jetzt was genau gesagt hat. Darum habe ich begonnen, mir das aufzuschreiben. Und als ich diese Zusammenfassungen geschrieben habe, dachte ich mir, das könnte man auch in Interviewform gestalten.
Und so ist Ihr Buch entstanden?
Zuerst waren es nur die Interviews mit den Philosophen, aus denen ich ein Buch machen wollte. Deren Aussagen sind übrigens alles Zitate, Dinge, die sie tatsächlich einmal gesagt haben. Da habe ich aufgepasst wie ein Häftlimacher, dass ich da nichts dazudichte.
Doch das Buch wurde auch zu einer Autobiografie light?
Richtig. Der Verlag meinte, die Interviews allein seien für ein Buch zu unpersönlich. Da müsse noch etwas rein. Deshalb habe ich zu den Interviews dazu passende Geschichten aus meinem Leben gesucht, die mir den Anlass gegeben haben, über die grösseren Zusammenhänge nachzudenken. Das Buch ist also auch autobiografisch geprägt.
Ein Sportreporter befasst sich am Ende seiner Karriere mit Philosophie. Warum?
Mit «Tell-Star» und «Benissimo» habe ich eine zweite Karriere in der Unterhaltung gemacht. Dort war ich gezwungen, von allem ein wenig zu wissen, vor allem in einer Quiz-Show wie «Tell-Star». Und auch als Sportpanorama-Moderator muss man zu allen Sportarten eine Verbindung haben. Sonst kommt irgendwann ein Studiogast, der etwas macht, von dem man absolut keine Ahnung hat. Zum Beispiel Dressurreiten (lacht). Dadurch wird der kulturelle Horizont immer weiter. Und über Kultur kommt man irgendwann unweigerlich zur Philosophie.
Gibt es Parallelen zwischen Sport und Philosophie?
Ja, sehr viele. Der Sport ist wie ein vereinfachtes Modell des menschlichen Verhaltens. Man muss sich an die Spielregeln halten. Was ist fair, was ist unfair? Wer entscheidet, was fair oder unfair ist? Und natürlich auch der ganze Teamgeist: Wer macht etwas für die Gemeinschaft und wer versucht zu profitieren? All die Dinge, die im Sport im Kleinen vorkommen, kann man auf die Welt im Grossen anwenden.
Bezüglich Philosophie: Was ist für Sie eine rote Karte?
Wenn jemand eine Regel aufstellt, von den anderen verlangt, dass sie sie einhalten, und sich selbst aber nicht daran hält. Das ist für mich die absolut röteste Karte.
Mit welchem Philosophen identifizieren Sie sich am ehesten?
Das habe ich mir lange überlegt (überlegt auch jetzt). Wahrscheinlich mit Sokrates. Obwohl ich mich nicht umbringen würde für meinen Glauben.
Weshalb dann Sokrates?
Weil ich festgestellt habe, dass seit den Griechen wenig Neues dazugekommen ist. Die Fragen drehen sich schliesslich immer um das Ganze: Gibt es einen Gott? Wer hat die Welt erschaffen? Wieso bin ich hier und was ist der Sinn von meinem Leben? Wie sollte ich mich verhalten und wer entscheidet über gutes und schlechtes Verhalten? Ist das angeboren oder anerzogen? Hat mir das ein Gott bei der Geburt in mein Gewissen eingegeben? Jeder hatte schon mal ein gutes und schlechtes Gewissen, doch warum ist das so?
Wenn wir gerade bei Gott sind: In Ihrem Buch ist auch von biblischen Gleichnissen, Geboten und Metaphern die Rede. Zudem sind die Philosophen, die sie kontaktieren, in einem Quartier im Himmel zuhause. Gretchenfrage: Wie haben Sie es mit der Religion?
(lacht) Diese Frage wird mir natürlich nicht zum ersten Mal gestellt, weshalb ich schon eine geschliffene Antwort darauf habe …
Und die lautet?
Dass Gott existiert, das kann man zwar nicht beweisen, aber das ist eine sehr sinnvolle Annahme.
Warum?
Ich glaube das Ganze, woher die Welt und alles kommt, das übersteigt unser Gehirn. Ein Gott, den man sich als menschähnlichen Superman vorstellt, der zum Guten schaut und alles kann: So ist er sicher nicht. Aber es ist am einfachsten, sozusagen als Arbeitshypothese, sich einen Gott zumindest vorzustellen, um selbst herauszufinden: Was ist auf der Welt gut und was ist schlecht.
Sie kontaktieren die Philosophen über ein ausgedachtes Medium, nämlich über Ihren «künstlichen Vermittler (KV)». Haben Sie für Ihr Buch tatsächlich künstliche Intelligenz (KI) verwendet?
Nein. Das Buch habe ich geschrieben, bevor es Chat-GPT gab.
In ihrem himmlischen Quartier wohnen 68 Männer und eine Frau. Seltsam …
Das ist unsere Entwicklung der Menschheit. Wahrscheinlich haben die Frauen viel mehr zu all dem beigetragen, was aber dann den Männern zugeschrieben wurde. Ich bin froh, habe ich wenigstens eine Frau gefunden, die ich passend in das Buch einfliessen lassen konnte.
Sie sind bekannt als der «Schnurri der Nation». Sind Sie auch ein guter Zuhörer?
Die ehrliche Antwort lautet: Nein, ich bin sicher ein weniger guter Zuhörer als ein Erzähler. Darauf hat mich meine Frau schon aufmerksam gemacht. Bei Diskussionen, kaum wurde etwas gesagt, weckt das in mir eine Assoziation: «Da könnte ich auch noch etwas dazu sagen.» Das ist in mir. Ich habe das Bedürfnis, wenn mir etwas auffällt, das der Öffentlichkeit mitzuteilen. Auch wenn das die Öffentlichkeit manchmal gar nicht interessiert.
Eine letzte Frage für die Öffentlichkeit. Nochmals eine einfache: Was ist der Sinn des Lebens?
(lacht) Ich habe das Gefühl, jeder einzelne Mensch sollte die Menschheit als ganze vorwärtsbringen. Klar, einer auf acht Milliarden ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber du kannst dir überlegen: So wie ich lebe, wenn mir das alle Menschen gleichtäten, brächte das die Menschheit vorwärts oder rückwärts? Du kannst jemandem die Hand reichen oder du schupfst ihn weg. Da gibt es logischerweise einfachere Situationen und schwierigere.
Interview: Janik Schmid
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