Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Kein Lebewesen, mag es noch so winzig sein, hat es verdient, dass sein Tod zum Tabu wird. Lara D. will damit brechen. ©motortion - stock.adobe.com
Die 36-jährige Lara D.* aus Winterthur plant eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die in der frühen Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten haben. Als Direktbetroffene empfindet sie den Trauerprozess als Herausforderung und erlebt häufig eine Diskrepanz zwischen innerem Erleben und der äusseren Welt.
Winterthur «Sei nicht traurig. Das wird schon wieder! Sätze, die wir nicht hören möchten, denn sie helfen in einer solchen Situation nicht weiter. Vielmehr müssen wir einen Raum und eine Berechtigung für Gefühle wie Traurigkeit und Trauer in unserer Gesellschaft bekommen», sagt Lara D.* Die Mutter eines dreijährigen Kindes hat bereits drei Verluste in der frühen Schwangerschaft erlebt. Drei einschneidende Erlebnisse.
Für sie war schon immer klar, dass sie irgendwann eine Familie gründen möchte: «Aktuell wurde der Kinderwunsch, als ich den richtigen Partner dazu gefunden hatte.» Als dann der Entschluss zur Familiengründung mit ihrem Freund gefasst war, hielt die Winterthurerin nach ungefähr einem Jahr überglücklich ihren ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand.
Lara D. meldete sich umgehend bei ihrer Gynäkologin, um den ersten Termin zu vereinbaren. Zu diesem Zeitpunkt wussten neben dem Partner eine sehr gute Freundin, die Eltern des Partners und ihre eigenen über die schöne Überraschung Bescheid. Lara D. entwickelte sofort eine emotionale Bindung zu dem Ungeborenen: «Ich spürte schon vor dem Test, dass sich etwas verändert hatte und ich schwanger war.» Beim ersten Ultraschall war nur eine Fruchthülse sichtbar. Aufgrund ihres Zyklus konnte es aber sein, dass die Schwangerschaft noch nicht soweit fortgeschritten war, wie sie es hätte sein sollen. Das Paar liess sich von dieser Nachricht darum nicht beunruhigen.
Drei Wochen später folgte dann ein Kontrollultraschall, der zeigte, dass sich der Embryo nicht weiter entwickelt hatte. Eine Fehlgeburt war die Folge. «Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich gehen möchte. Ich wählte eine Curettage.» Dieser Eingriff, der im Volksmund auch Ausschabung genannt wird, wird unter anderem nach einer Fehlgeburt durchgeführt und dient dazu, die Reste des Embryos und des Mutterkuchens aus der Gebärmutterhöhle zu entfernen. «Die andere Variante, welche von der Gynäkologin empfohlen wurde, das Ganze laufen zu lassen und abzuwarten bis das verstorbene Embryo in Form einer starken Blutung ausgestossen wird, war für mich keine Option».
Lara D. hätte nie erwartet, dass ihr ein Schwangerschaftsabbruch so zusetzen könnte. «Zu diesem Zeitpunkt war der Embryo bereits mein Baby, ein Mensch, eine kleine Seele. Im ersten Moment fühlte ich mich, als würde mir der Boden unter meinen Füssen weggezogen werden. Im Spital sprachen die Ärzte von embryonalem, fetalem Gewebe oder von Schwangerschaftsmaterial. Das machte es noch schlimmer», fügt sie hinzu. Lara D. und ihr Partner hatten in dieser Zeit Ferien und konnten sich viel Zeit zum Trauern nehmen. Verschiedene Rituale, wie einen Brief an ihr verlorenes Kind zu schreiben oder ein für sie wichtiges Symbol an der Gedenkstätte des Kindes zu deponieren, halfen dem Paar dabei sehr. Dieser Verlust hat das Paar zusammengeschweisst und auch das Gefühl, gemeinsam alles schaffen zu können, gestärkt. So haben die beiden den nächsten Versuch, ein Kind zu bekommen, in Angriff genommen. Die Winterthurerin wurde daraufhin ein zweites Mal schwanger: «Nun waren wir vorsichtiger. Uns war bewusster, dass eine normale Schwangerschaft keine Selbstverständlichkeit ist.» Und trotzdem hatte das Paar viel Hoffnung und Zuversicht. «Wir haben auch dieselben Menschen wieder früh über meine Schwangerschaft informiert.» Die zweite Schwangerschaft verlief glücklicherweise gut und Lara D. durfte ein gesundes Kind zur Welt bringen.
Das Paar entschied sich dann nach zwei Jahren, ihre Familie um ein weiteres Kind zu erweitern. Doch wieder entwickelte sich der Embryo nicht richtig weiter: «Dieses Mal bekam ich leichte Blutungen, die zu Beginn als nicht besorgniserregend beurteilt wurden. Doch sie hörten nicht auf. Ein Ultraschall ergab dann die traurige Gewissheit, dass wir ein weiteres Kind verlieren werden.» Diese Erfahrung war für Lara D. noch schwieriger als die erste. «Ich hatte einen spontanen Abort mit starken Schmerzen und wochenlangen Blutungen. Das hat mich psychisch und vor allem auch physisch für lange Zeit sehr mitgenommen.» Gegen aussen funktioniere man relativ schnell wieder normal, gehe zur Arbeit, lebe seinen Alltag weiter, lache und sei fröhlich. «Meinem Partner und mir fehlte aber Ruhe und Zeit, um traurig zu sein und Abschied zu nehmen.»
Unterstützt von ihrem Umfeld und ihrer Gynäkologin, versuchte das Paar weiter, sich ihren Wunsch nach einem zweiten Kind zu erfüllen. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Die Traurigkeit darüber ist bis heute sehr gross: «Die Summe der Erfahrungen hat auch dazu geführt, dass wir uns fragen, ob wir das nochmals durchstehen können und wollen. Und doch ist der Wunsch nach einem zweiten Kind nach wie vor da.»
Doch nicht alle Menschen fühlen gleich. So habe ihr Partner andere Bedürfnisse als sie selbst. Dies könne für die Beziehung belastend sein: «Das Bedürfnis, über meine Erfahrungen zu sprechen und etwas zu verändern, wurde immer grösser. Auch mein Umfeld geht unterschiedlich mit meiner Geschichte um, die meisten sind grundsätzlich offen und einfühlsam.» Und doch kämen Reaktionen, die für die Winterthurerin schwer auszuhalten seien. Bereits nach ihrem ersten Verlust schaute sie sich nach Angeboten von Selbsthilfegruppen um und war erstaunt, wie wenige es davon gab. «Jeder kennt jemanden, der schon mal eine Fehlgeburt erleiden musste, darüber gesprochen wird aber oft erst, wenn man von seinem eigenen Verlust erzählt.»
Deshalb entschloss sich Lara D., eine Selbsthilfegruppe namens Butterfly zu gründen. Der Name Butterfly, zu Deutsch Schmetterling, hat für die Mutter eine besondere Bedeutung: «Die kurzen Besuche meiner drei Kinder fühlten sich wie eine sanfte Berührung an. Wie die, wenn sich ein Schmetterling kurz auf deine Hand setzt. Ein schillerndes, farbiges und tief berührendes Gefühl.» Mit ihrer Selbsthilfegruppe möchte die 36-Jährige gesellschaftlich etwas verändern und über ein Thema sprechen, das eben kein Tabu mehr sein sollte, und sich selber und Frauen mit gleichem oder ähnlichem Schicksal einen Raum geben, das Erlebte zu verarbeiten: «Ich wünsche mir für Betroffene, dass sie den für sie nötigen Trauerprozess zulassen dürfen und die Leichtigkeit des Lebens wiederfinden werden.»
*Name abgeändert. Richtiger Name der Redaktion bekannt.
Selbsthilfegruppe Butterfly
Die Selbsthilfegruppe Butterfly richtet sich an Frauen, die in der frühen Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten. Weitere Infos können (Tel: 052 213 80 60, Mail: info@selbsthilfe-winterhur.ch) beim Selbsthilfezentrum Winterthur eingeholt werden.
Deborah Archetti
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