Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Simone Brunschwiler (l.) im Gespräch mit Milena Brüni in einem Beratungszimmer der Fachstelle OKey. Bild: Jan Gubser
Gewalt ist ein Tabuthema, dabei lebt sie geradezu vom Totschweigen: Zwei Frauen der Fachstelle OKey berichten aus ihrem Alltag.
Opferhilfe Kinder und Jugendliche erleben Gewalt – oft zu Hause in der Familie. Die Art der Gewalt ist vielfältig. Von Schlägen über Erniedrigungen bis hin zu sexueller Gewalt. «Die Grenzen werden von den Eltern Schritt für Schritt ausgedehnt. Die Kinder und die Eltern erhalten dadurch das Gefühl, dass ihr Umgang in Ordnung ist», so Milena Brüni von der Fachstelle für Opferhilfeberatung und Kinderschutz OKey.
In den Familien wird über die Gewalt oft geschwiegen. In der Schule oder im Kindergarten fallen viele der von Gewalt betroffenen Kinder auf. Teilweise sind die Verletzungen sichtbar, oftmals aber nicht. Die Kinder fallen meist durch schnelle Verhaltensänderungen auf. Ein ruhiges, humorvolles Kind kann so beispielsweise über wenige Tage ein zorniges, abweisendes Verhalten zeigen. «Man kann die Symptome nur schwer fassen. Jedes Kind reagiert wieder anders», so Brüni.
Bei 114 der letztjährlich 577 behandelten Fälle kamen die Schulen auf die Beratungsstelle OKey zu. 144 Personen – darunter die Opfer, die Mütter oder die Väter – meldeten sich selbst bei der Fachstelle, wie der Jahresbericht aus dem Jahr 2022 zeigt. In 109 Fällen vermittelte die Polizei. Junge Frauen erleben häufig sexuelle Gewalt, bei den Knaben dominiert die physische Gewalt.
«Gewalt kommt in den Familien sehr häufig vor», sagt Brüni. Die Eltern seien überfordert und wüssten es nicht anders, als in der Situation mit Gewalt zu handeln. Brüni: «Sie brauchen Unterstützung.»
Seit der Corona-Pandemie erfährt die Fachstelle OKey einen grösseren Bedarf an Betreuung. Während der Pandemie litten die Familien unter existenziellen Ängsten. In dieser Zeit mussten die Eltern trotz wenig Energie funktionieren. Simone Brunschwiler, Geschäftsleitung OKey: «Danach zeigte sich die Überforderung der Eltern. Die Kinder hielten dieser Belastung eine Zeitlang stand. Dann wurden auch bei ihnen die Belastungen sichtbar. Die Folgen der Schulschliessungen hat man damals stark unterschätzt.»
«Familien stehen unter einem hohen Leistungsdruck», so Brunschwiler. Die Erwartung: Die Eltern arbeiten je zu 100 Prozent und machen Karriere. Zu Hause sind sie die liebevollen, geduldigen Eltern, die für die Kinder da sind und zu alldem den Haushalt meistern. Die Kinder machen in der Schule gut mit und bringen Bestnoten nach Hause. Die Realität ist anders. In der Gesellschaft ist Gewalt stark verankert. Geschichten über die Grosseltern, wie sie ihren Kindern den Hintern versohlten, gibt es viele: «Mängsmol gaht's nöd andersch» oder «Wer nicht hören will, muss fühlen».
Kinderschutz Schweiz hat letztes Jahr eine Studie veröffentlicht, die sie an der Universität Freiburg in Auftrag gegeben hatte. Von rund tausend befragten Eltern gaben knapp 40 Prozent an, dass sie bereits Körperstrafen ihrem Kind gegenüber angewandt hatten. Schläge auf den Hintern gehören mit 15 Prozent zu den häufigsten Bestrafungsmethoden. «Oft realisieren die Eltern nicht, dass sie Gewalt ausüben», so Brunschwiler. «Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz salonfähig.»
Wer in der Schweiz Opfer körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt wurde, hat Anspruch auf Unterstützung – unabhängig davon, ob die Täterschaft ermittelt wurde. Zur Unterstützung gehören Beratungen wie auch finanzielle Entschädigungen. Die Fachstelle OKey unterstützt Opfer in diesen Anliegen. Auch Kinder und Jugendliche, die Gewalt zwischen den Eltern erleben, dürfen sich beraten lassen.
Die Fachstelle berät Betroffene in straf- und zivilrechtlichen Angelegenheiten. Wenn eine therapeutische Hilfe notwendig ist, vermittelt sie die Opfer an die entsprechenden Fachpersonen weiter. Ein wichtiger Teil ist die soziale Hilfe. Brüni: «Wir führen mit den Kindern und Jugendlichen sowie mit den Eltern Gespräche. Wir hören ihnen zu und nehmen ihre Anliegen ernst.»
Die Fachstelle berät Betroffene wie auch Fachpersonen. OKey sieht sich die Kinder, ihre Geschichten und die Umstände genau an und gibt eine Einschätzung ab. «Wir können so eine niederschwellige Unterstützung bieten», so Brunschwiler.
Wenn sich die Eltern zu wenig um ihre Kinder kümmern, hilft Sprechen. «In den Gesprächen mit den Kindern erfährt man oft, was sie vermissen, was ihnen fehlt», so Brüni. «In der Regel können wir die Familien unterstützen, indem wir Lösungen aufzeigen. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Betroffenen möglichst früh melden.»
Jan Gubser
Die Stiftung OKey setzt sich im Grossraum Winterthur für Kinder und Jugendliche ein, die Opfer von psychischer, körperlicher sowie sexueller Gewalt wurden. Die Stiftung gliedert sich in die Fachstelle OKey Opferhilfeberatung und Kinderschutz mit sechs Mitarbeitenden, die sich um Einschätzungen und Beratungen kümmern, und in die Krisenwohngruppe mit rund 25 Mitarbeitenden. Seit vier Jahren leben am Winterthurer Brühlberg bis zu neun Kinder und Jugendliche. Es ist ein Wohnen auf Zeit, bis eine Lösung in den Familien gefunden wurde.
Lade Fotos..