Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Susanna Bosshard verteilt Zeitungen für einen Lohn von 19 Franken die Stunde. Bild: spo
Der Lohn von Susanna Bosshard reicht bei Weitem nicht zum Leben. Auf kulturelle Anlässe und Ferien muss die Zeitungsverteilerin verzichten.
Initiative Wer Vollzeit arbeitet, soll auch von seinem Lohn leben können. Das fordert die Volksinitiative «Ein Lohn zum Leben», über die Winterthur am Sonntag, 18. Juni, abstimmt. Laut den Initianten leben in Winterthur 3600 Menschen, die weniger als 4000 Franken im Monat verdienen. Zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen.
Zum Beispiel Susanna Bosshard aus Winterthur: Von ihrem Lohn kann sie nicht leben. Die 58-Jährige verdient als Zeitungsverteilerin einen Grundlohn von 19 Franken die Stunde. Im letzten Jahr waren es noch 18.55 Franken. Bei einem 100-Prozent-Pensum käme sie auf ein Monatsgehalt von rund 3100 Franken. Bosshard arbeitet in Nachtschichten, sechs Tage die Woche, und kommt so auf ein Pensum von 40 Prozent.
«Im Monat sind das rund 1200 Franken», sagt Bossard im Gespräch mit der Winterthurer Zeitung. Ihr Mann Paul erhalte zudem 1600 Franken IV-Rente. Die Familie hat also ein Einkommen von rund 2800 Franken. Im Haushalt leben auch die beiden Söhne, die aus gesundheitlichen Gründen arbeitslos sind. Der eine Sohn, ein gelernter Zimmermann, erhält 450 Franken Sozialhilfe, der andere Sohn ist gelernter Schreiner und scheut den Gang zum Sozialamt. Mit dem Erbe ihres Vaters kaufte Bosshard 1998 das Elternhaus ihres Mannes. Weil dieses als Vermögen gerechnet wird, erhält sie keine Ergänzungsleistungen.
Bosshards Wecker klingelt um 2.30 Uhr, ihre Schicht beginnt um 3 Uhr. Ein Knochenjob. 180 Zeitungen verteilt sie auf ihrer Tour. Darunter Titel wie die NZZ, den Blick oder die Winterthurer Zeitung und den Landboten. «Mittwoch und Donnerstag sind die strengsten zwei Tage», sagt sie. Dann legt sie zusätzlich über 300 Winterthurer Lokalzeitungen in die Briefkästen. 125 Stufen steigt sie dabei hoch. Unter ihrem Arm klemmen Zeitungsbündel mit einem Gewicht von bis zu acht Kilogramm. «Zeit für eine Verschnaufpause bleibt da kaum, es ist alles durchgetaktet», sagt Bosshard. Um 5.10 Uhr endet ihre Schicht.
Seit 13 Jahren verteilt die gelernte Köchin Zeitungen. Die körperliche Arbeit hat bereits Spuren hinterlassen. Knieprobleme und Sehnenscheidenentzündungen gehören zu ihrem Alltag. Wer ihr Schicksal kennt, fragt sich, warum sie sich nicht einfach einen anderen Job sucht. «Als Köchin sind die Arbeitszeiten und der Lohn nicht viel besser und auch im Verkauf, wo ich gearbeitet habe, sind die Löhne nicht höher», so Bosshard. Zudem sei sie seit dem Burnout 2010 nicht mehr voll belastbar. «Ich ertrage den Druck einfach nicht mehr gleich», sagt sie.
Man muss kein Finanzanalyst sein, um zu sehen, dass das Budget der Familie Bosshard Verzicht bedeutet. Das zeigt sich beim Einkauf, wo Bosshard vor allem nach dem Kriterium Aktion einkauft. «Meine Marke ist grün, ich kaufe hauptsächlich Migros-Budget-Produkte», sagt sie. 150 Franken gibt sie wöchentlich für Lebensmittel aus. Aktuell setzt ihr die Inflation zu. «Da kann ein Einkauf schon mal 200 Franken kosten.» Auf ihre Winterjacke habe sie drei Jahre lang gespart. «Ich darf mir beim Geldausgeben keinen Fehler erlauben. Das kann ich mir nicht leisten.» Auswärts zu essen oder ins Kino zu gehen ebenfalls nicht. «Seit 13 Jahren war ich nicht mehr in den Ferien.» Der grösste Block bei den Ausgaben für sie und ihren Mann sei mit 800 Franken die Krankenkassenprämie.
Bosshard engagiert sich in der Gewerkschaft. Mit ihrer Geschichte will sie aufrütteln. «Firmen sollen faire Löhne zahlen», findet sie. Das fordert auch die Initiative. Der Einfluss auf ihre finanzielle Situation wäre allerdings gering. Bosshard schätzt, dass sie bei einem Ja am Ende des Monats etwa 150 Franken mehr zur Verfügung hätte. «Aber damit könnte ich etwas verschnaufen», sagt sie. Sie ergänzt: «Wir sind aber noch immer weit weg von einem Döneressen, wie es sich mein Mann wünscht.» Das Ehepaar Bosshard träumt vom bedingungslosen Grundeinkommen. «Es würde mir auch sehr helfen, wenn der Staat die Krankenkassenkosten übernehmen würde.» Sandro Portmann
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