Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Der 88-jährige Roman Stecher ist immer offen für neue Begegnungen mit netten Menschen. dea
Mit seinen 88 Jahren ist Roman Stecher mehr unterwegs als so manch ein anderer. Er mag die Beweglichkeit. Seine Geschichte ist geprägt von vielen Phasen, die nicht ganz der Norm eines Rentners entsprechen und obwohl er auch schon von der Obdachlosigkeit betroffen war, bereut er keinen seiner Lebensabschnitte.
Winterthur Mit frisch geschnittenen Haaren spazierte Roman Stecher vor zwei Wochen zufrieden aus dem Coiffeursalon Glamour&Style, wo er im Rahmen einer Adventsaktion einen kostenlosen Haarschnitt erhalten hat. Immer mit dabei: Sein multifunktionaler Einkaufstrolley, der an die bekannte magische Tasche von Marry Poppins erinnert. Der Trolley lässt sich im Nullkommanichts in einen komfortablen Stuhl umwandeln. Darin zu finden sind neben einigem Krimskrams, wie einer Stofftierkatze, die laute Miau-Töne von sich geben kann, diversen Zeitungen, auch ein paar Nahrungsmittel und eine Schachtel Zigarren. Seine restlichen Sachen lagert Roman Stecher in seinem Zimmer des Wohnheims der Heilsarmee Winterthur an der Wartstrasse, in welchem er seit rund zwei Jahren lebt. Neben der magischen Tasche fällt auch auf, dass Stecher viel Gewicht um seinen Hals trägt. Es handelt sich dabei nicht um klassischen Schmuck, sondern um einen grossen Feldstecher, diverse Schlüsselbunden und einen kleinen weissen Radio. Diese Gegenstände begleiten den 88-Jährigen ebenfalls täglich auf seinen Ausflügen.
Er ist gerne unterwegs
«Wach bin ich immer früh, um den Mittag mache ich mich jeweils auf den Weg», sagt er. Roman Stecher ist gerne unterwegs und das überall in der Schweiz: «Das beste Feriengefühl bekommt man auf dem Zürichsee. Täglich versuche ich es mir einzurichten, eine Schiffsfahrt zu machen.» Mit seinem Feldstecher könne er vom Wasser aus die schöne Landschaft um den See immer wieder neu entdecken oder sich auf spannende Gespräche mit anderen Senioren einlassen: «Um halb sechs geht es dann mit dem Schiff von Rapperswil zurück in Richtung Stadt Zürich. Meistens bin ich aber erst kurz vor Mitternacht wieder zurück im Wohnheim.» Der Tagesablauf von Roman Stecher scheint sich heute nicht gross von dem anderer Senioren zu unterscheiden. Doch dem war nicht immer so. Seine Geschichte ist geprägt von vielen Phasen, die nicht ganz der Norm eines Rentners entsprechen.
Andere Sorgen als die Pension
So liess er sich 1984 im Alter von 52 Jahren seine Pension auszahlen. Diese hatte er zuvor fünf Jahre am Stück in seiner damaligen Tätigkeit als Lehrer regelmässig einbezahlt. Die Pensionskasse war zu dieser Zeit aber noch nicht obligatorisch und der Entscheid, sich um seine Altersvorsorge zu kümmern, war jedem Bürger frei überlassen. Freiheit war auch etwas, was sich der Lehrer immer gerne nahm. Klas sisch dem System zu folgen und jahrelang der gleichen Tätigkeiten am gleichen Ort nachzugehen, war für ihn nie eine Option: «Ich habe kein Pensionsalter erlebt, ich hatte andere Sorgen gehabt als die Pension und wollte nicht an einem Ort sitzen bleiben», so Stecher. Das konnte er sich mit seinem Beruf als Lehrer an verschiedenen Schulen in verschiedenen Pensen auch dementsprechend einrichten. Musik zählte dabei zu seinem Lieblingsfach. Irgendwann legte er dann den Beruf des Lehrers ganz zur Seite und verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Leiten von diversen Männer-, Frauen- und Kirchenchören. Ebenfalls war er in vielen Vereinen tätig und es verging fast kein Abend, an dem er nicht irgendwo an einem Vereinsanlass zu finden war. Wohnhaft war er jeweils in diversen Gemeinden. Je nachdem, wo er arbeitete: «Meine Vergangenheit beziehungsweise, was ich in dieser gemacht habe, hatte keine komfortable Perspektive. Ich war nie der ökonomische Typ, sondern schon immer eher eine Pestalozzi-Natur.»
Ein unerwarteter Bruch
Die finanzielle Auswirkung seines Lebensstils wurde dann nach einem längeren stationären Klinikaufenthalt spürbar. Aus der Klinik entlassen, fand Roman Stecher den Anschluss in der Gesellschaft nicht so leicht wieder: «Als ich aus der Klinik entlassen wurde, hatte ich keine Wohnmöglichkeit mehr und landete so für ein paar Wochen auf der Strasse.» Bis dahin verbrachte der ehemalige Lehrer gerne mal eine Nacht in der Natur und mochte auch Nachtspaziergänge durch leere Gassen von Grossstädten. So wusste er also, was zu tun war und wo er jederzeit einen ruhigen und warmen Ort zum Schlafen finden konnte. Die Tage ohne ein Dach über dem Kopf verbrachte er aber nicht in Winterthur, sondern in Einsiedeln: «Meistens habe ich in einer Bank gehaust. Diese waren immer geheizt. Da bestand keine Gefahr zu erfrieren», erinnert sich Roman Stecher zurück. «Mein Zuhause ist eben überall. Aber ja klar, ein Zuhause bleibt eine Wichtigkeit.»
Eine eigene Familie hat er nie gegründet: «Jeder Entscheid hat seine eigene Motivation und Bedeutung. Jeder sollte seine eigene Funktionen und Aufgaben im Leben haben. Ich habe das Gefühl, in meinem Stand habe ich das. Ich mache mir nicht viel aus diesem Gesellschaftsdruck.» Auch sein Handy habe er aufgegeben und käme auch sehr gut ohne aus, ebenfalls reiche auch Bargeld anstelle einer Bankkarte für den 88-Jährigen. «Ich bin nicht reich geworden. Andere werden reich, weil sie das gut planen und ich habe das halt schlecht geplant.»
Seit zwei Jahren lebt er nun in Winterthur im Wohnheim der Heilsarme. Viel mehr als ein Dach über dem Kopf und Geselligkeit wünsche er sich aber nicht: «Ich möchte nette Menschen um mich haben und ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Leute kommen oft auf mich zu und das ist etwas sehr Schönes.» Freude bereiten ihm momentan Weihnachtslieder, welche die Radios spielen. Letztes Jahr verbrachte er Weihnachten im Pfarrhaus der evangelischen Kirche in Winterthur, welche einen Weihnachtsabend für Senioren veranstaltet hat. Er war schon immer im Umfeld der Kirche unterwegs und tankt dort gerne Kraft: «Dieses Jahr habe ich noch keine Pläne, ich lasse mich gerne überraschen.»
Deborah Archetti
Lade Fotos..