Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Wollen Geschichte erlebbar machen: Mario Schenk (l.) und Dimitri Dünki. Foto: z.V.g.
Mario Schenk und Dimitri Dünki gründeten einen Verein, der im Oktober eine Kombination aus Rätselspiel, Theater und Geschichtsstunde nach Winterthur bringen will. Für das Projekt, das sich mit dem ersten grossen Streik befasst, sammeln sie nun Geld.
Winterthur In den Jahren 1909 und 1910 ereignete sich ein wichtiges Kapitel der Winterthurer Geschichte. Die Arbeit in den hiesigen Fabriken war hart, viele Familien litten unter Armut. Also begehrten die Arbeiter auf, forderten höhere Löhne, kürzere Schichtzeiten und sicherere Arbeitsbedingungen. Im Sommer 1909 traten die Maurer der Firma Sulzer in den Streik, dann folgte rund ein Jahr später der Giesserstreik bei Sulzer und Rieter. Der Konflikt zwischen Arbeitern und Industriellen kulminierte in gewalttätigen Ausschreitungen. Der erste grosse Streik in Winterthur überraschte Mario Schenk, als er sich näher mit dieser turbulenten Zeit befasste: «Ich habe erkannt, dass die Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts für einen Grossteil der Winterthurer nicht lustig gewesen sein muss. Zuvor ging ich eher von einer Zeit des Wohlstandes und allgemeinem gesellschaftlichem Aufstieg aus.»
Der 28-jährige Schenk ist nicht etwa Historiker, sondern in der hiesigen Eventbranche aktiv. Mit der Stadtgeschichte setzte er sich zusammen mit Dimitri Dünki auseinander, weil die beiden nach einem interessanten Thema für ihr neues Konzept suchten. Die Umstände der Ereignisse vor 111 Jahren passen aus Sicht von Schenk perfekt zu ihrer Idee: «Wir möchten dieses fast vergessene historische Kapitel ins Bewusstsein der Menschen zurückholen, indem wir die verschiedenen Interessen der Involvierten aufzeigen.» Es gehe um die Leiden und Freuden der verschiedenen Gesellschaftsschichten.
Dies wollen die zwei Winterthurer eben mit ihrem neuen Konzept umsetzen. «Schichtwechsel Halle 111» heisst es und ist ein Spiel- und Theatererlebnis, das Elemente von Escape Room, Krimidinner und Rollenspiel kombiniert. Im kommenden Herbst vom 7. bis 30. Oktober soll dieser Event in der Lokstadt-Halle Rapide durchgeführt werden. Die Teilnehmenden übernehmen in vier Gruppen à vier Personen die Rolle von Fabrikarbeitenden, die über mehrere Arbeitstage im Geheimen einen Streik vorbereiten. In mehreren Spielrunden, eben den «Arbeitstagen», lösen die Teams separat verschiedene Rätsel und Aufgaben. Nach jeder Runde treffen sich die Teilnehmenden in der Arbeiter-Beiz Helvetia, die es damals auch wirklich gab, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Um ihre Idee in die Tat umzusetzen, haben Schenk und Dünki Ende 2020 den Verein «Strange Journeys» gegründet, der aktuell 20 Mitglieder hat. Ein Kernteam, dem Bekannte und Freunde der beiden Initianten angehören, setzt das Projekt ehrenamtlich in die Realität um. Damit «Schichtwechsel Halle 111» so realisiert werden kann, wie es sich die Vereinsgründer vorstellen, haben sie ein Crowdfunding gestartet. 26’000 Franken wollen sie auf der Plattform lokalhelden.ch sammeln, wenn bis Ende Januar mindestens 14’000 Franken zusammenkommen, soll das Projekt umgesetzt werden. Bis jetzt sind über 5500 Franken an Spenden eingegangen. «Unser Verein ist nicht gewinnorientiert, das Geld aus dem Crowd-funding fliesst in die Deckung der Materialkosten», betont Schenk. Die grössten Kosten würden für die Infrastruktur und die Materialien anfallen, die für den Bau der aufwendigen und detaillierten Requisiten benötigt würden.
Co-Initiant Schenk legt grossen Wert auf eine «Spielwiese», die mit vielen Details versehen ist: «So können sich die Teilnehmenden richtig in die damalige Zeit reinfühlen.» Das Ziel des neuen Spiel- und Theatererlebnisses ist nämlich sogenanntes Historytainment. Auf unterhaltsame Weise soll faktentreue Stadtgeschichte nicht bloss vermittelt, sondern erlebbar gemacht werden. Darum beinhaltet das Konzept auch Schauspielende, die die Teilnehmenden direkt ansprechen werden. So entsteht der Hybrid aus Spiel und Theater.
«Wir hoffen, damit einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen», sagt Schenk. Wenn sich das Konzept bewähre, sei es das Ziel, weitere Projekte mit anderen Ereignissen der Winterthurer Historie durchzuführen. Zuerst muss aber mal «Schichtwechsel Halle 111» zustande kommen. «Ich bin zuversichtlich», so Schenk.
Hier geht es zum Crowdfunding für «Schichtwechsel Halle 111»
Michael Hotz
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