Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Rolf Kuratle vor der Dreizylinder-Dampfmaschine von Sulzer, die an der Weltausstellung in Paris vorgestellt wurde.
Das Dampfzentrum Winterthur stand schon kurz vor dem Aus, will sich nun aber mit neuem Konzept seinen Platz in der Museumslandschaft erkämpfen.
Kulturerbe Die Tür zur Halle 181 am Lagerplatz 27 ist auch eine Verbindung in eine andere Welt – eine dampfende Welt, mit gewaltigen Maschinen aus fast vergessenen Tagen. Sie machen Licht, betreiben Wasserpumpen oder fliegen sogar ins Weltall. Auch wenn sich die Maschinen hier schon lange im Ruhestand befinden, so riecht es in der Halle dennoch nach ihrer Arbeit. Eine unverwechselbare Note von Maschinenöl und Metall liegt in der Luft. Hier in der ehemaligen Sulzer-Werkhalle steht heute auf 1200 Quadratmetern das Kulturerbe von Winterthur aus der Zeit der Hochindustrialisierung zwischen 1850 und 1920. Rund 100 Maschinen, im Bundesinventar als höchstes Kulturgut klassifiziert. Wir befinden uns im Dampzentrum Winterthur.
Nach dem Umbau der Halle eröffnet das Dampfzentrum am Samstag, 18. Oktober mit dem Dampfmaschinenfest neu. Von 10 bis 17 Uhr erhalten die Besucher vor Ort einen tiefen Einblick in die Geschichte der Maschinen, die eng mit der Stadt verknüpft sind. Die Neueröffnung ist auch ein kämpferisches Aufrappeln des Dampfzentrums, das sich seinen Platz in der Museumslandschaft behaupten will. Seit der Gründung vor 15 Jahren kämpft das Dampfzentrum um Anerkennung und finanzielle Mittel. Eine Mammutaufgabe, die der pensionierte ETH-Ingenieur Rolf Kuratle vor einem halben Jahr übernommen hat. Er ist der neue Stiftungsratspräsident beim Dampfzentrum. «Es ist meine Vision, das Dampfzentrum für junge Menschen und Familien zu öffnen. Wir wollen aus der Nische ausbrechen», sagt er. Es schweben ihm Wechselausstellungen zu gesellschaftlichen Themen vor und Schulklassen, die hier die MINT-Fächer praxisnah lernen können.
Nicht nur die Besucher will Kuratle verjüngen, sondern auch den Verein. Dieser hat rund 300 Mitglieder, von denen die meisten ehemalige Sulzer-Mitarbeiter sind. 15 davon engagieren sich aktiv und hegen und pflegen die historischen Giganten. «Wir müssen uns öffnen, auch für Social Media und Veranstaltungen», so Kuratle. Obwohl sich hier alle in Fronarbeit und mit viel Herzblut engagieren, hat das Dampfzentrum Kosten, die es nicht durch Freiwilligenarbeit decken kann. 90 Prozent der Ausgaben machen die Hallenmiete aus. «Ein Uhrenmuseum zu haben, wäre in dieser Hinsicht deutlich einfacher», sagt Kuratle mit einem Schmunzeln.
Wer die Halle betritt, wird von den wuchtigen Maschinen rasch in den Bann gezogen. Die schlafenden Schaffer erzählen alle ihre Geschichten, die auf Infotafeln erzählt werden. «Viele dieser Maschinen haben erst unseren Wohlstand ermöglicht», so Kuratle. Und die Sammlung ist nicht ohne Grund ein nationales Kulturerbe. Eine Auswahl besonderer Dampfmaschinen sei hier erwähnt. Im hinteren Teil der Halle steht die Dreizylindermaschine aus dem Jahr 1888, mit der Sulzer an der Paris Weltausstellung 1889 den Durchbruch gelang. Die 70 Tonnen schwere Maschine ebnete mit dem produzierten Strom den Weg für das elektrische Licht. «Die Zeit der Hochindustrialisierung war eine Revolution vergleichbar mit den Computern heute», sagt Kuratle. Die Dreizylindermaschine von Sulzer erzeugte 300, kurzfristig sogar 370 PS. Was mit der Maschine nach der Weltausstellung passierte, ist heute nicht ganz klar. Es scheint ein abenteuerlicher Weg gewesen zu sein, denn als sie 1983 im Elsass auftauchte, hatte sie Einschusslöcher von einem Weltkrieg.
Das älteste Stück der Sammlung ist die Balancier-Dampfmaschine aus dem Jahr 1859. Diese Maschine wurde in Berlin gebaut und trieb Wasserpumpen und Nassluftpumpen an, die das Wasser in die Häuser pumpte. «Sie hat den Alltag grundlegend verändert. Sie verbesserte die Hygiene schlagartig und wirkte den Seuchen entgegen», so Kuratle. Seine Lieblingsmaschine ist die Sulzer-Tandem-Maschine aus dem Jahr 1907. «Sie machte den Trambetrieb in Basel möglich, indem sie den Strom lieferte», so Kuratle. Und auch eine Lokomotive steht in der Halle. Gleich neben der Dampfschiffmaschine der Escher Wyss steht auch eine schwarz-grüne Lok, die an keinen anderen Ort ein besseres Zuhause hätte. Sie war bis 1971 Werklok der Sulzer und auf dem Areal im Einsatz. «Unser Ziel ist, das Bewusstsein für die Bedeutung der industriellen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert zu fördern und dieses Wissen lebendig zu erhalten», so Kuratle. Lebendig wird das Museum mit dem Tag der Eröffnung am 18. Oktober. Von 10 bis 17 Uhr gibt es Führungen, eine Dampfküche mit Spezialitäten, einem Traktor für Kinderrundfahrten und vieles mehr. «Wir freuen uns, wir sind bereit», sagt Kuratle.
Sandro Portmann
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