Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Lou Marley Whites (rotes Oberteil) Stärken sind Schnelligkeit, Kreativität, Dribbelstärke und präzises Passspiel. Bild: zVg
Lou Marley White kam in Winterthur zur Welt. Zweijährig zog er mit der Familie ins Berner Oberland. 2016 trat er der Fuss᠆ballschule des FC Barcelona bei.
Fussball Der in Winterthur an der Jakobstrasse 7 geborene Hans Gamper (1877-1930) hatte unter anderem beim FCW gespielt, ehe er 1898 nach Barcelona auswanderte und dort den FC Barcelona gründete. Gamper war der erste Kapitän des katalanischen Vereins. 117 Jahre später (2016) zog der damals 9-jährige, ebenfalls in der Eulachstadt geborene, Musikersohn Lou Marley White mit seiner Familie vom damaligen Wohnort in Frutigen ebenfalls nach Barcelona. Dort trat er, der im Berner Oberland im Alter von drei Jahren mit dem Fussballspielen begonnen hatte, der berühmten Fussballschule des FCB bei und durchlief die nachfolgenden Juniorenstufen. Zuletzt sammelte der linksfüssige Flügelstürmer beim drittklassigen CE Sabadell erste Erfahrungen bei den Aktiven, ehe er vom La-Liga-Club FC Girona kontaktiert wurde. Am 14. Juli 2025 unterschrieb der heute 18-Jährige seinen ersten Profivertrag.
Bereits der Wechsel vom FC Frutigen zum FCB Escola mit gerade einmal neun Jahren war bemerkenswert. Sind Sie einfach der Familie gefolgt, die nach Katalonien gezogen war, oder war der Wechsel bewusst, weil die Jugendakademie des FC Barcelona lockte?
Lou White: Wir sind als Familie umgezogen, um Arbeit und Lebensmöglichkeiten zu nutzen. Natürlich war Fussball schon damals ein grosser Teil meines Lebens, und in Barcelona zu sein, eröffnete mir Möglichkeiten, die ich sonst nicht gehabt hätte. Aber mit neun Jahren ging es mir nicht darum, «eine Karriere zu planen» – es ging mir um die Familie und darum, dem Leben zu folgen, wohin es mich führte.
Wären Sie bei Ihrem Vater in Frutigen geblieben, wären Sie heute wohl ein talentierter Musiker, wie er es auch heute noch ist?
Musik ist durch meinen Vater immer in meinem Leben präsent. Er ist unglaublich talentiert, und das bewundere ich sehr. Aber schon als kleines Kind hatte ich immer das Gefühl, dass Fussball meine Leidenschaft und mein Weg ist.
Wie weit sind Sie davon entfernt, für die erste Mannschaft des FC Girona zu spielen, um eines Tages gegen Gegner wie den FC Barcelona antreten zu können?
Das ist natürlich das Ziel. Ich weiss, dass es Geduld, Beständigkeit und ständige Verbesserung erfordert. Ich arbeite wie immer hart daran, um für den nächsten Schritt bereit zu sein. Vorletzten Freitag durfte ich zu meiner Freude das erste Mal mit der ersten Mannschaft mittrainieren.
Ein Profivertrag in der La Liga lässt einen an schöne Autos, ein tolles Haus und Mitarbeiter denken, die den Haushalt erledigen und für Sie kochen. Ist dem so?
Überhaupt nicht (lacht). Manche denken das vielleicht, aber die Realität sieht ganz anders aus. Ich lebe einfach und konzentriere mich voll und ganz auf Training, Spiele und meine Weiterentwicklung als Spieler. Der «Luxus-Lifestyle» ist etwas für später, falls er kommt.
Ihr Vater zog einst von Barbados nach Winterthur, um hier zu studieren. Nach zwei Jahren setzte er auf Berufsmusiker. Sie hingegen wanderten von Winterthur über das Berner Oberland nach Spanien aus, wo Sie eine professionelle Fussballkarriere starten. Sehen Sie gewisse Parallelen?
Ja, wir haben beide gemeinsam, dass wir uns an neue Kulturen und Sprachen anpassen mussten und nach besseren Möglichkeiten suchten, und das prägt dich als Person sehr.
Apropos Winterthur: Sie sind mit Ihrer Familie von hier weggezogen, als Sie ein kleiner Knirps waren. Welche Verbindung haben Sie heute noch zu Winti?
Ich war noch sehr jung, als wir umgezogen sind, daher habe ich keine wirklichen Erinnerungen an mein Leben dort. Aber ich weiss, dass es Teil meiner Geschichte ist, und jedes Mal, wenn ich «Winterthur» höre, fühlt es sich wie ein Stück Heimat an. Mein Götti und seine Familie leben in Winti, und ich habe noch einige Freunde, mit denen ich dort aufgewachsen bin. Ich besuche Winterthur immer gerne.
Waren Sie schon mal auf der Schützenwiese, oder hat sich gar FCW-Sportchef Oli Kaiser schon einmal bei Ihnen gemeldet?
Nein, ich war nicht dort. Und ich kenne Oli Kaiser auch nicht persönlich (ich glaube aber, mein Vater kennt ihn).
Wenn Sie in Girona nicht gleich in der spanischen Topliga zum Einsatz gelangen, könnten Sie ja beim FCW Spielpraxis sammeln?
Wer weiss? (Augenzwinker) Fussball ist unberechenbar, und man muss immer offen sein. Mein Weg führt mich erst einmal nach Girona, aber natürlich schliesse ich keine Erfahrung aus, die mich weiterbringen könnte.
Ein Problem des Schweizer Fussballverbandes besteht derzeit darin, dass junge Talente mit doppelter Staatsbürgerschaft, die die Jugendteams der Nati durchlaufen haben, sich nicht für die Schweizer A-Nati entscheiden. Wenn Sie sich eines Tages für eine Nationalmannschaft entscheiden müssten, würden Sie Barbados oder die Schweiz wählen?
Auf jeden Fall die Schweiz. Es ist das Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich bis zu meinem neunten Lebensjahr aufgewachsen bin. Barbados wird immer Teil meiner Wurzeln und meiner Identität bleiben, aber wenn ich die Chance dazu habe, möchte ich auf jeden Fall die Schweiz vertreten.
Haben Sie im Moment überhaupt Zeit, wie andere junge Leute in Ihrem Alter auszugehen, ein Konzert Ihres Vaters zu besuchen, in den Urlaub nach Winterthur zu fahren oder einfach Dinge zu unternehmen, die nichts mit Fussball zu tun haben?
Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Fussball nimmt fast meine ganze Zeit und Energie in Anspruch. Aber wenn ich kann, versuche ich, das Beste daraus zu machen, bin gerne mit Freunden unterwegs … Diese kleinen Momente bedeuten mir viel.
Und Sie vermissen es auch nicht, mehr solche Momente zu haben?
Schon, aber ich weiss auch, dass es eine besondere Chance ist. Nicht jeder hat die Chance, Fussballprofi zu werden und dem Ziel nahe zu kommen. Deshalb nehme ich die Opfer in Kauf und denke, sie sind es wert.
Interview: George Stutz
Top Junge!
Elijah Bosonnet antworten
Lade Fotos..