Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Kaufen oder nicht kaufen, das ist hier die Frage. Götz van Ooyen in "Niemand wartet auf dich". Bild: Ingo Hoehn
«Niemand wartet auf dich»: Das Kellertheater zeigt ein starkes Stück. Es besticht durch Inhalt, Spiel und Inszenierung, und es bietet eine Überraschung.¶
Theater Ein alter Mann mit Gehhilfe oder «Stützwägeli», wie es auf Schweizerdeutsch halt so heisst. Am Griff des Geräts hängt ein durchsichtiger Plastikbeutel, darin ist Müll zu erkennen. Der Alte sammelt Müll. Es gibt sie allenthalben, die Alten, die Müll sammeln. Die Geschichte, die die Figur im Kellertheater dem Publikum erzählt, ist besonders rührend, besonders spannend. Hier nur so viel: Der Mann hat in der Stadtbücherei einen kleinen Band gefunden mit dem Titel: «Niemand wartet auf dich». Er fragt sich, was das bedeutet, ob seine verstorbene Frau nicht im Himmel auf ihn wartet. Das Büchlein bringt ihn in der Folge darauf, seine eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. Dazu gehört, dass er in dem vernachlässigten Stadtteil, in dem er lebt, Müll einsammelt.
Der Schauspieler Götz van Ooyen ist kein alter Mann. Er schafft es dennoch ohne aufwendige Maske, diesen glaubwürdig auf die Bühne zu bringen. Besonders wie der Schauspieler den Alten sprechen lässt, wirkt authentisch. So viel darf man von einem guten Schauspieler erwarten. Es gelingt van Ooyen aber auch, den Charakter des Alten vielschichtig und damit ungemein lebendig zu gestalten. Erst das löst beim Zuschauen Gefühle aus: Mal lacht man über den Müllsammler, dann wieder ist man gerührt, und im nächsten Augenblick bewundert man die Entschlossenheit des 85-Jährigen. Götz van Ooyen ist der Bruder des Regisseurs und Theaterdirektors Udo van Ooyen. «Es ist das erste Mal seit 19 Jahren, dass wir so direkt zusammenarbeiten», sagt der Schauspieler. Er hat ein festes Engagement am Staatstheater Braunschweig. Durch die Koproduktion mit dem Kellertheater spielt er nun bis zum 20. Mai in Winterthur. Bruder Udo bietet eine präzise und clevere Inszenierung. Die Figur auf der einfach gestalteten Bühne erscheint gleichzeitig gefilmt auf einer Leinwand. Der Kniff entfaltet seine Wirkung bei der zweiten Figur: einem Politiker. Auf der Leinwand erscheint er uns wie alle Politiker im Fernsehen, gewöhnlich, bürokratisch, von einer Schar Medienberater zum Produkt verformt.
Was die Figur jedoch sagt, passt so gar nicht zu diesem Erscheinungsbild. Der Politiker spricht nämlich ehrlich. Denn auch er hat das merkwürdige Büchlein gefunden: «Niemand wartet auf dich». Der Politiker tritt zurück. Er ist jemand, der die Angelegenheiten der Anderen und selbst die Angelegenheiten Gottes als seine Angelegenheiten betrachtet hat. Damit hat er einen viel grösseren Hebel, etwas zu bewirken, als der alte Mann. Und hat trotzdem nichts erreicht. Nun steht er mit abgesägten Hosen da, buchstäblich. Man sieht es nicht auf dem Bildschirm, sondern auf der Bühne. Darunter trägt er Trainerhose und Converse-Turnschuhe. Zwar ist dies einfach nur die Kleidung der dritten Figur, die unter dem Anzug des Politikers steckt. Doch die technische Notwenigkeit ist clever mit einer Botschaft verknüpft (Ausstattung: Loriana Casagrande).
Der dritte Teil oder Akt stellt alles auf den Kopf. Und bringt eine Überraschung, die dem Livepublikum vorbehalten sein soll. Götz tritt nun jedenfalls in T-Shirt und eben Trainerhose vor das Publikum. Er spricht mit den Anwesenden über sich, stellt Fragen, zieht Schlüsse. Natürlich ist der Schauspieler auch als Publikumsunterhalter eine Figur. Mir den anderen beiden, dem Politiker und dem Alten, verbindet ihn zunächst einmal – unschwer zu erraten – das besagte Büchlein: «Niemand wartet auf dich». Der Unterhalter hat es in einem Schaufenster gesehen. «Kaufen oder nicht kaufen, das ist hier die Frage», ganz im Sinn von Shakespeare. Das Büchlein kaufen heisst nämlich nichts anderes, als sich auf die Welt einzulassen, auf die Welt einwirken zu wollen. Daran verzweifelt der Unterhalter fast. «Ich würde gerne etwas beitragen, aber wie?» Sind Krieg und Dürren wirklich Angelegenheiten Gottes, wie das Büchlein behauptet? Diese Fragen ziehen die Zuschauer in Bann. Selten hat man im Theater ein so konzentriertes Publikum gesehen. Darauf folgt begeisterter Applaus.
Christian Felix
«Niemand wartet auf dich», Aufführungen vom 6. bis 20. Mai.
www.kellertheater-winterthur.ch
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