Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
15 Jahre lang hatte der Winterthurer Fredi Neff die Bijouterie Romer in der Marktgasse erfolgreich geführt. Dass er nun seit einigen Wochen eine blaue Polizeiuniform trägt und bei der Grenzkontrolle im Flughafen Zürich die Ausweise der Passagiere kontrolliert, hat verschiedene Gründe. Vor allem aber verspürt Neff einen neuen beruflichen Frühling.
Winterthur Im Alter von 23 Jahren war Fredi Neff als ausgebildeter Kaufmann und zurück von einer einjährigen Tournée mit der musikalischen Showgruppe «Up with People» in die Bijouterie Romer eingetreten. Der Betrieb gehörte einst seinem Grossvater Anton Romer sen. und später seinen Onkeln Jürg und Anton Romer, zudem arbeitete auch Neffs Mutter im Geschäfts an der Marktgasse 42. Neff bildete sich in den folgenden Jahren zum eidgenössisch diplomierten Detailhandelskaufmann weiter, studierte in Deutschland Edelsteinkunde, erlernte das Handwerk der Diamantengravur und besuchte Uhrmacherkurse. «Ich habe bis zuletzt von der Buchhaltung zum Einkaufen, von der Herstellung von neuem Schmuck bis zur Reparatur von Uhren alles gemacht», so Neff.
Zunehmend schwieriges Uhrengeschäft
Vor allem hatte er in den letzten 15 Jahren aber den Betrieb als Vertreter der dritten Generation mit Hingabe geführt. Obwohl ihm der Kundenkontakt viel Freude bereitete und er sich auch immer wieder über grosszügige Einladungen der führenden Uhrenfirmen freute, verspürte der Familienvater aber zunehmend einen grösseren Druck. Die Uhrenmarken machten immer mehr Vorgaben, wie etwa der Innenausbau des Geschäftes aussehen müsse. Auch deshalb verlor die Bijouterie Romer etwa die Vorzeigemarke Omega. Dies wiederum führte dazu, dass deshalb beispielsweise Chinesen, die geschäftlich in Winterthur weilten, ihre Wunschuhren anderweitig besorgten. Parallel dazu nahm der Onlinehandel zu. «In den letzten fünf Jahren hatte ich immer mehr schlaflose Nächte, da Umsätze wegbrachen und ich mich immer mehr fragte, wie ich dereinst die Löhne noch bezahlen soll», erklärt Fredi Neff. Dies führte zunehmend zu einer Unzufriedenheit, wie er sagt: «Ich war nun ständig genervt und wusste eines Tages, dass ich etwas ändern muss, ehe ich auf der Strasse stehen und in vorgerücktem Alter keinen Job mehr finden würde.» Zuerst habe er noch überlegt, das Uhrengeschäft weniger zu gewichten und den Laden etwa mit Trauringen und Services rund um Hochzeiten neu anzukurbeln.
Die Begegnung am Schalter
Gleichzeitig habe er jedoch auch begonnen, sich beruflich neu zu orientieren, so Neff: «Als ich 2018 die ehemalige Geschäftsführerin einer anderen Winterthurer Bijouterie am Schalter einer Polizeistelle angetroffen hatte, war dies die Initialzündung für eine Neuorientierung.» Fredi Neff informierte sich bei einer ebenfalls als Polizeiangestellte arbeitenden Bekannten und bewarb sich kurze Zeit später online für eine Stelle als Polizeiangestellter. «Vorerst wurde ich zu diversen Tests, darunter auch ein PC-Test, aufgeboten. Da ich für Letzteren keine besonderen Kenntnisse mitbrachte, hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl», erinnert sich Fredi Neff. Hingegen sei sein Alter erstaunlicherweise nie ein Thema gewesen, wie er meint: «Sie haben 35- bis 59-jährige Mitarbeitende gesucht, trotzdem dachte ich, sie würden primär die Jüngeren berücksichtigen.» Im letzten November musste Neff zum abschliessenden Gespräch. Da wurde ihm nicht nur beschieden, einen hervorragenden PC-Test abgeliefert zu haben, sondern auch, dass aus rund 400 Bewerbenden eine der acht offenen Stellen für ihn reserviert sei. «Das war ein ganz besonderer Moment», so Neff. Im Bijouterie-Betrieb wurde sein Entscheid mit einem weinenden und einem lachenden Auge akzeptiert, wie der 53-Jährige sagt: «Einen halben Tag pro Woche helfe ich aber noch aus, das ist auch mit meinem neuen Arbeitgeber so abgesprochen.»
Der «neue» Feierabend
Seit März ist Fredi Neff nun in der Ausbildung im Bereich Grenzkontrolle der Kantonspolizei Zürich am Flughafen. Bald schon darf er alleine in einer der Kabinen sitzen und die Ausweispapiere der An- und Ausreisenden kontrollieren. «Ich bereue meinen Entscheid keine Sekunde. Die Arbeit, die Arbeitsbedingungen, meine Kollegen – alles passt. Selbst wenn ich mal bis tief in die Nacht arbeiten muss, falls ein Flugzeug aufgrund technischer Probleme zurückkehren muss – wenn ich den Flughafen verlassen habe, ist meine Arbeit zu Ende. Das ist der grösste und schönste Unterschied zu früher.» Zudem freue es ihn, wenn er mit seiner Geschichte auch andere beruflich Unzufriedene ermuntern kann, neue Wege ins Auge zu fassen: «Dafür ist es definitiv nie zu spät.»
George Stutz
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