Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Hermine Kerker erzählt aus ihrem reichen Leben.
Das Leben von Hermine Kerker ist abenteuerlich und geprägt von Schicksalsschlägen. Gerade diese Prüfungen sieht sie als Geheimnis für ihr hohes Alter.
Gratulation Abenteuerlich ist nicht nur das Leben von Hermine Kerker, abenteuerlich war auch ihr Weg zur Redaktion der «Winterthurer Zeitung» in die Marktgasse 27. Die Hundertjährige fragte beharrlich mehrere Passanten nach dem Weg, bis sie auf Umwegen am Ziel ankam. Eine grosse Hilfe war ihr ein unbekannter Mann am Neumarkt, der kurzerhand das Telefon in die Hand nahm und die Redaktion über den besonderen Besuch informierte.
Am Ziel angelangt, wurde die Seniorin von der Redaktion überrascht begrüsst. Überrascht, weil man der Winterthurerin die hundert Jahre überhaupt nicht ansieht. Sie wollte von einer guten Tat erzählen, sagte sie. Sie plane eine Überraschung für befreundete Helfer. Die Überraschung wollen wir an dieser Stelle nicht verraten, aber seien Sie, liebe Leserinnen und Leser, versichert, die Geschichte von Hermine Kerker ist um einiges spannender.
In der Stadt Winterthur leben laut Einwohnerkontrolle 30 Personen, die 100 Jahre und älter sind. Die wenigsten aber dürften im Kopf so vital sein wie Kerker. Und natürlich taucht im Gespräch mit der vifen Seniorin schnell einmal die Frage auf, welches Geheimnis sich hinter einem langen, gesunden Leben verbirgt. Eine Frage, die sie oft höre. «Natürlich wollen das alle wissen», sagt sie und denkt kurz über die Antwort nach. «Allzeit bereit zu sein», sagt Kerker schliesslich. Bereit zu sein, für die Prüfungen des Lebens. Und geprüft wurde Kerker wahrlich einige Male intensiv. Besonders die Zeit ihrer Kindheit und Jugend war beschwerlich.
Die Prüfungen beginnen bereits bei ihrer Geburt am 13. Februar 1925. Sie kam mit sogenannten krummen Beinen und einer Missbildung an der Wirbelsäule zur Welt. «Das ist wahrscheinlich auf einen Ernährungsmangel meiner Vorfahren zurückzuführen», so Kerker. Auch ein paar ihrer sechs Geschwister hatten bei der Geburt ein Knochenleiden, Kerker spricht von weichen Knochen. Ein Bruder starb im Alter von weniger als einem Jahr.
Der Ernährungsmangel lässt sich auf ein historisches Ereignis zurückführen. 1816 ging als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichtsbücher ein. Verschiedene Wetterextreme, darunter ein Vulkanausbruch in Indonesien, sorgten für einen ungewöhnlich kalten Sommer, Ernteausfälle und damit eine Hungersnot. Viele Menschen hatten dadurch Mangelerscheinungen, mit Folgen auch Generationen später. Die Beine von Hermine Kerker wurden im Spital in Balgrist noch im Kindesalter behandelt. «Man hat mit einer Eisenstange meine Beine gebrochen und in einen Gips gesteckt, damit sie wieder zusammenwachsen», erzählt die Seniorin. «Meine Mutter erzählte mir, dass ich trotz der Missbildung der Beine herumgesprungen sei.» Bis heute leidet sie allerdings an schmerzenden Beinen.
Es blieb nicht der eeinzige Knochenbruch in ihrem Leben. Im Alter von 92 Jahren blickte sie bereits auf elf Brüche zurück, wie sie in einem Büchlein aus dem Jahr 2020 schreibt, in dem sie für ihren Enkel aus ihrem Leben erzählt. Besonders in der Zeit um die Jahre 2017 und 2018 häuften sich die Verletzungen.
Beim ersten Sturz, dem zwölften überhaupt, landete sie statt auf der Bettkante auf dem Boden und brach sich das Becken. Die Schmerzen waren stark und die Heilung dauerte fast ein Jahr. Kaum schmerzfrei brach sie sich beim Öffnen der Tür einen Wirbel zwischen den Schulterblättern. «Zusätzlich fing ich mir eine Muskelzerrung ein. Es war für mich kaum ertragbar», erinnert sie sich weiter. Doch damit nicht genug. Auf der Toilette stürzte sie und wurde bewusstlos.
Aufgewachsen ist Hermine Kerker im St. Gallischen Rheineck. Ihre Eltern hatten viele Geschwister, elf auf der Seite des Vaters, zwanzig sogar auf der Seite der Mutter. «Als Katholik hatte mein Grossvater mütterlicherseits die Aufgabe, viele Kinder zu zeugen, dies unter dem Druck des Pfarrers», schreibt Kerker in ihrem Büchlein. Es war ein einfaches und strenges Leben, welches die Familie geführt hatte. Der Vater arbeitete hart, um die Familie zu ernähren. Auf einem Feld pflanzte er zur Selbstversorgung Gemüse. «Im Sommer war er oft um vier Uhr schon am Brunnen, um Wasser zu schöpfen zum Tränken. Nachher ging es in die Fabrik. Deshalb war er oft überlastet», so Kerker. Nebenbei verdiente der Vater Geld mit dem Schlachten von Kaninchen bei Privatkunden. Bezahlt wurde er manchmal mit Alkohol. «Die Last des Alkohols an den Wochenenden von Vater war für uns entsetzlich», erinnert sich Kerker. Die Mutter und auch die Kinder wurden vom Vater regelmässig geschlagen. Einmalig ging er sogar mit einer Axt auf die Mutter los. «Das war eine schlimme Zeit danach, denn ich träumte jede Nacht von Verfolgung und Tötung», so Kerker. Schläge gab es aber auch vom Lehrer. An die Kindheit hat sie deshalb nur wenig schöne Erinnerungen. Eine davon war der Abschluss der Schulzeit, wo sie die Sommerferien mit einer Jugendgruppe verbrachte. «Diese Zeit war für mich etwas einzigartig Schönes, Friedliches, ja ein Stück Himmel auf Erden. Wunderschön!»
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Zeit von Hunger und Krieg. Hermine Kerker arbeitete als Kindermädchen bei einer Familie, als die Männer für den zweiten Weltkrieg eingezogen wurden. Als sie in Steckborn etwas besorgen musste, begannen plötzlich die Glocken zu läuten. «Die Frauen traten weinend auf die Strasse, die Schürzen vor die Augen haltend. Es war Mobilmachung», erinnert sich die Seniorin. Die Schweiz nahm Juden auf, auch die Familie, bei der Kerker später arbeitete. «Für die Ankommenden aus den Konzentrationslagern waren Zimmer nötig. So beherbergten wir denjenigen Juden, der die Aufgabe hatte, die Ankömmlinge aus den Konzentrationslagern mit den Angehörigen in Verbindung zu setzen. Wir konnten ein Zimmer anbieten, da der Sohn der Familie ausgezogen war.» Es war auch die Zeit, in der Hermine Kerker ihren Glauben fand. «Der Herr hat mich für die Herausforderungen gerüstet», sagt sie heute dankbar.
Das Glück fand die heute Hundertjährige später als Mutter von vier eigenen und 18 Pflegekinder, die sie mit ihrem Mann grosszog. «Mein Mann war sozial eingestellt, wie ich. Wir konnten gar nicht anders», sagt sie. Auch er war ein gläubiger Mann. «Der Herr führte mich mit ihm zusammen und wir durften beide die Herrlichkeit der Wiedergeburt erleben», blickt sie glücklich zurück. Zum Geburtstag gratulierte ihr sogar der Stadtpräsident persönlich. «Vielleicht ist es aber auch das Gemüse», sagt Kerker und lacht. Das Geheimnis nach einem langen Leben bleibt ein Geheimnis. Für die Zukunft hat sie keine grossen Wünsche mehr. «Ich hatte trotz allem ein erfülltes Leben, aber ich merke auch, dass ich alt werde», sagt sie.
Sandro Portmann
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