Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Heute kann Jasmin B. wieder lachen. Doch während der Coronapandemie sah sie keine Zukunft mehr. Bild: spo
Die blauen Masken sind fast aus dem Alltag verschwunden. Eine Geschichte um den Kampf gegen die Coronamassnahmen und ums Überleben.
Winterthur Jasmin B. aus Wülflingen lacht oft im Gespräch mit der «Winterthurer Zeitung». Sie wirkt taff und selbstbestimmt. Eine Frau, die sich wehren kann, wenn sie etwas nicht versteht. Und während der Corona-Pandemie hat sie vieles nicht verstanden. Daran wäre sie beinahe zerbrochen. «Da war diese ältere Frau im Supermarkt, die mich angesprochen hatte, weil ich keine Maske getragen habe. Augenblicke später hat sie die Maske runtergezogen, die Finger abgeleckt um eine Plastiktüte zu entwirren.» Mit einem schelmischen Grinsen schildert Jasmin B. die Situation und jeder kennt ein vergleichbares Beispiel. Weil die Massnahmen des Bundes oft ein Spagat waren zwischen Schutz vor dem Virus und Schutz der Wirtschaft, stiessen viele der Massnahmen auf Unverständnis in der Gesellschaft. So waren zwischenzeitlich Gottesdienste und Bordellbesuche möglich, der Gang zum Fitnesscenter aber nicht.
Der Entscheid des Bundes, 2020 die Fitnesscenter zu schliessen, war der Anfang einer langen Odyssee für Jasmin B. «Erst habe ich mich noch gefreut und gedacht, jetzt werde ich reich.» Denn seit 20 Jahren ist Jasmin B. Fitnesscoach und Zumba-Instruktorin. Sie gibt in Neftenbach und Oberwinterthur in privaten Räumen Fitnesstrainings. Sie hoffte, dass mit der Schliessung der grossen Fitnesscenter mehr Kunden zu ihr kämen. Doch auch sie musste die Türen schliessen. «Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Dass der Bundesrat über mein Leben entscheiden konnte, das hätte ich nie gedacht.» Sie wehrte sich gegen die Maskenpflicht. «Ich war immer ein wenig anders. Wenn es regnet, werde ich gerne nass», sagt Jasmin B. Sich zu impfen, kam für sie nicht infrage. Einerseits aus gesundheitlichen Gründen, denn Jasmin B. leidet an Asthma, andererseits hat sie auch Angst vor Impfschäden.
Wie andere auch fiel Jasmin B. durch die Maschen des vom Bund gespannten Auffangnetzes. Corona-Entschädigung habe sie keine erhalten. Auch das Sozialamt winkte ab. «Weil ich mit meinem Ex noch verheiratet war, hätte er aufkommen müssen.» Die Mutter einer Tochter fühlte sich fremdgesteuert – und fiel immer tiefer. «Wenn ich nicht raus kann, werde ich psychisch krank», sagt sie. Bewegung ist ihr wichtig. Ihr Arzt verschrieb ihr starke Beruhigungsmittel. Damit betäubte sie sich, bis es lebensgefährlich wurde. «Weil ich die Medikamente wie Smarties gegessen habe, hatte ich einen Autounfall», sagt Jasmin B. In den ersten Monaten lebte sie vom Ersparten. Doch das Polster war klein und schnell aufgebraucht. «Ich hatte Existenzängste», so Jasmin B. Um sich über Wasser zu halten, verkaufte sie selbst gebackenes Brot und gebrannte Mandeln.
Aber nicht nur das Geld fehlte. Auch der soziale Austausch. «Das Allerschlimmste war der fehlende Körperkontakt. Ich brauche das einfach», sagt sie. Ihr Entscheid, sich nicht impfen zu lassen, riss sie aus der Gesellschaft wie der Gärtner eine Blume aus einem Fussballrasen. Mit ihrem letzten Ersparten hat sich Jasmin B. ein gefälschtes Corona-Zertifikat gekauft. Darauf aufmerksam wurde sie in einer Telegramm-Gruppe unter Gleichgesinnten. So kam der Kontakt zu einem Fälscher zustande. 800 Franken hat das Zertifikat gekostet. Es funktionierte. Die Familie konnte wieder Kultur geniessen und das tat sie auch. Gemeinsam schauten sie einen Fussballmatch des FC Winterthur auf der Schützenwiese. Dann flogen sie auf. «Wir wollten auf dem Schilthorn einen Kaffee trinken, da funktionierte das Zertifikat nicht mehr. Alle in der Gruppe waren aufgeflogen», erzählt Jasmin B. Wie man ihr auf die Schliche kam, weiss sie bis heute nicht. Die Fitnessinstruktorin musste sich vor Gericht verantworten. Sie wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. «Die 700 Franken Busse konnte ich abarbeiten, 800 Franken Gerichtskosten sind noch offen», so Jasmin B. Sie sei sich vorgekommen wie eine Schwerverbrecherin, als sie mit anderen Straftätern PET schreddern musste.
Ohne Zertifikat war sie wieder isoliert. «Ich fühlte mich wie ein starkes Pferd, das angebunden ist.» Für die Freiheit in Form eines Zertifikats hat sie wochenlang versucht, sich mit dem Virus anzustecken. «Ich wollte unbedingt ein Genesenen-Zertifikat», sagt Jasmin B. Die Versuche blieben ohne Wirkung, bis sie dann doch an Corona erkrankte. Mutter und Tochter lagen zehn Tage flach. Dann, als spiele ihr das Schicksal einen letzten Streich, verkündete der Bundesrat via TV das Ende der Massnahmen.
Jasmin B. kann heute wieder lachen. Fragezeichen aber bleiben. «Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich das Gespräch gesucht. Doch bei diesem Puzzle passte vieles nicht zusammen.» Sie wolle nicht schimpfen, sondern in Liebe abschliessen. Etwas Positives findet sie doch: «Die Bindung zu meiner Tochter ist stärker geworden.»
Auch ihre Tochter wehrte sich gegen die Corona-Massnahmen. Weil die Oberstufenschülerin als einzige von 400 Schülern keine Maske über das Gesicht ziehen wollte, wurde sie zur Aussenseiterin. «Ich wurde Asthma-Kind genannt, die Komische, die keine Maske trägt», so die Schülerin. Heimlich habe sie aber auch viel Zustimmung bekommen. «Viele haben die Maskenpflicht auch nicht verstanden, haben es aber einfach gemacht.»
Als der Bundesrat die Maskenpflicht an Schulen für Montag verkündete, wollten die Winterthurer Schulen nicht warten. Bereits am Donnerstag zuvor verteilten sie Desinfektionsmittel und Masken an die Schüler. Wie das gemacht wurde, war ein Schreckensmoment für die Tochter von Jasmin B. «Über die Lautsprecher ertönte ein Alarm. Es war wie bei einem Amoklauf. Niemand wusste, was los war», erinnert sie sich zurück. Dann seien die Lehrer ins Klassenzimmer gestürmt und hätten hektisch Masken verteilt. Eine solche musste Lisa aber nicht lange aufsetzen. Um die Maskenpflicht zu umgehen, wurde an ihrem Pult eine Konstruktion aus Plexiglas aufgebaut. Rückblickend würde sie es wieder so machen. «Es war zwar nicht einfach, aber ich habe eine Stärke zu mir entwickelt», so die Schülerin. Heute wirkt die Maskenpflicht sonderbar.⋌Sandro Portmann
Lade Fotos..