Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Matthias Sahli in der Neustadtgasse, wo er eine Zeit lang in einem eigenen Atelier arbeitete. Bild: Christian Felix
Im erfolgreichen Kurzfilm «Der Molchkongress» steckt ganz viel Winterthur. Dazu passt die zurückhaltende Art, wie der Film sein Thema vermittelt.
Film Der Kurzfilm «Der Molchkongress» fährt ein. Zunächst schwer zu erklären, wie er das schafft. Matthias Sahli hat den Film zusammen mit seinem Regiepartner Immanuel Esser aus Köln realisiert, als Abschluss seines Masterstudiums an der Zürich Hochschule der Künste (ZHdK). Der Kurzfilm erlebte am Filmfestival Locarno seine Premiere, was an sich schon ein Erfolg ist, und wurde mit einem Silbernen Leoparden ausgezeichnet. Das heisst, die Jury wertete Sahlis und Essers Werk als zweitbesten Film im nationalen Schweizer Wettbewerb 2022.
«Der Molchkongress» beruht auf dem Buch des tschechischen Schriftstellers Karel Capek mit dem Titel «Der Krieg mit den Molchen» aus dem Jahr 1936. Capek schrieb eine politische Satire. «Wir verfilmen in unserem Kurzfilm natürlich nicht das ganze Buch. Aber wir greifen Capeks Grundthema und seinen Humor auf und erzählen unsere eigene Geschichte damit», sagt Sahli. In einem überaus nüchternen Kongresszentrum findet, wie der Filmtitel sagt, ein Molchkongress statt. Dabei wird ein Riesenmolch vorgestellt. Das Tier ist unverwüstlich. Alles, was abgehackt wird, wächst nach. Der Riesenmolch kann sprechen und verfügt über eine gewisse Intelligenz. Willig verrichtet er für die Menschen Tätigkeiten im Wasser. Der mittlere Teil des Films arbeitet mit Stimmung. Das Filmpublikum lernt den Sumpf kennen, in dem die Molche leben. Hier arbeiten Sahli und Esser mit dem Ton, gestaltet von Jan Godde. Überdeutlich hört das Publikum Insekten, Frösche und immer wieder das Glucksen und Plätschern des Wassers. Wasser und Algen dringen plötzlich auch in das Kongresszentrum ein. Im dritten Akt sozusagen erfährt man von der sich anbahnenden Katastrophe.
«Der Kongress der Molche» zeigt auf einer ersten Ebene die Parabel vom Zauberlehrling. Er kann den Besen, der Wasser holt, nicht mehr stoppen. Das Ziel des Kurzfilms reicht aber darüber hinaus. «Capeks Buch spielt auch auf die Geschichte des Kolonialismus an», sagt Sahli: «Wir haben die Molche als Sinnbild der Klimakrise gelesen.» Der Kurzfilm tut das auf eine denkbar zurückhaltende Art. Er stellt die Zuschauenden auf einen Beobachtungsposten. Dort verfolgen sie aus der Entfernung , was im Film passiert. In vielen Einstellungen verdeckt die Natur die Menschen und den Riesenmolch beinahe. Eine Hauptfigur, mit der man mitfiebern könnte, fehlt. Miriam Rutherford führt die Kamera ohne Zoom und ohne Schwenk und filmt Szenen wie auf einer Bühne. Mit diesen Stilmitteln überlässt der Film das kritische Denken dem Publikum und zwingt niemandem eine Schlussfolgerung oder gar eine Moral auf. Drehort von «Der Molchkongress» waren die Anlagen der Universität Zürich Irchel. Doch es steckt sehr viel Winterthur im Kurzfilm. So zum Beispiel der Molch.
«Wir haben darauf verzichtet, den Molch digital ins Bild einzufügen. Solche digitalen Figuren wirken kaum lebhaft. Weil es aber komplex und aufwendig ist, echte Puppen zu bauen, arbeiteten wir nur mit einem Molch.» Er wurde in Winterthur von Lisa Bruggmann und Fabian Lüscher gebaut. Aussen besteht er aus einer gegossenen Silikonschicht, innen aus einem Metallskelett mit hydraulischen Gelenken.
Ursula Bienz und ihr Sohn Tobias bewegen den Molch. «Ursula und Tobias sind im Film als Puppenspieler sichtbar. Wir wollten das Puppenspiel in den Fokus der Kamera rücken. Die Choreografie zwischen Puppe und Spielerin ist eine Kunst in sich», sagt Sahli. Ursula Bienz leitet das Figurentheater Winterthur. Sie hat viel Erfahrung darin, die Figurenspielerin selbst in den Hintergrund und die Figur dafür in den Vordergrund zu bringen. Daher geschieht es im Film ganz nebenher, dass sich zwei Personen immer nahe beim Molch aufhalten. Mit Ursula Bienz kommt eine Winterthurer Kulturtradition jetzt im Kurzfilm zur Geltung.
Zu Winterthur gehört auch der Kurzfilmgeist, der in der Stadt umgeht. Die Kurzfilmtage im November haben eine internationale Ausstrahlung. Sahli arbeitete mehrfach an diesem Festival mit. Seine Aufgabe war es jeweils, die um die 200 Filme aufzutreiben, die im Programm liefen. «Für Filmschaffende ist es attraktiv, einen Kurzfilm zu machen. Das Format bietet viel Freiheit und ist von wenig Bürokratie belastet», sagt Sahli. «Der Molchkongress» wird seine internationale Premiere ausserhalb der Schweiz im Oktober am «Festival Internacional de Cinema Fantàstic» in Sitges bei Barcelona erleben.
Christian Felix
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