Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Winterthur als eigenständige Marke oder als Anhängsel von Zürich? Samuel Roth, Direktor von House of Winterthur, stellt sich aktuell diese Frage. Foto: z.V.g.
Das House of Winterthur stand vor gut einem Jahr in der Kritik. Seit Samuel Roth als Direktor übernommen hat, sind aber negative Schlagzeilen über die Organisation ausgeblieben. Wie hat er das geschafft und wie will er Winterthur als Marke stärken? Ein Interview.
Winterthur Corona ging auch am House of Winterthur nicht spurlos vorbei. Es musste im Geschäftsjahr 2020 einen Verlust von knapp 150’000 Franken schreiben. Und auch vor dem Ausbruch der Pandemie hatte die Organisation keine einfache Zeit. Aufgrund von vielen Fluktuationen und unzufriedenen Mitarbeitenden stand der mittlerweile abgetretene Direktor Michael Domeisen in der Kritik. Mit seinem Nachfolger Samuel Roth, der im August 2020 übernommen hat, schaut die «Winterthurer Zeitung» zurück auf seine Anfangszeit.
Sie haben den Posten als Direktor erst Anfang August 2020 übernommen. Wie haben Sie die Zeit seither erlebt?
Samuel Roth: Wir haben ein sehr gutes, motiviertes Team. Das ist grossartig. Für mich war der Start während Corona etwas schwierig, weil ich meine Kolleginnen und Kollegen selten sah. Glücklicherweise galt nicht gleich zu Beginn die Homeoffice-Pflicht. Dadurch konnte ich die Mitarbeitenden noch persönlich kennenlernen.
Vor Ihrem Antritt herrschte viel Unruhe in der und um die Organisation. Seither ist es aber ruhig um das House of Winterthur. Wie haben Sie das geschafft?
Ich kann gar nicht genau sagen, was es war. Ich habe das Team wie gesagt als sehr motiviert und gut aufgestellt wahrgenommen. Was die Gründe für die Unruhe waren, ist für mich schwierig zu beurteilen, weil ich nicht dabei war. Ein Problem könnte gewesen sein, dass vor und während der Fusion von Winterthur Tourismus und Standortförderung zu House of Winterthur sehr hohe Erwartungen geschürt worden waren, die nicht eingelöst werden konnten. Ein wichtiges Anliegen von mir war es deshalb von Anfang an, diese Erwartungen etwas zurückzustufen. Wir wollen uns auf unsere Stärken fokussieren.
Eine Schwierigkeit war wohl, dass mit der Fusion zwei unterschiedliche Kulturen in einer gemeinsamen Organisation aufeinandertrafen. Gibt es keine Gräben mehr zwischen diesen beiden Welten?
Gräben gibt es sicher nicht und hat es wohl auch nie gegeben. Aber es sind weiterhin zwei Kulturen. Die Standortförderung möchte für Firmen einen Mehrwert generieren und neue Unternehmen hier ansiedeln, während der Tourismusbereich eher das Freizeitangebot für die Bevölkerung und die Touristen fördern will. Das sind andere Zielgruppen, das merkt man. Die Mitarbeitenden sind offen, gehen aufeinander zu, aber es braucht Austausch und Verständigung.
Einer der Schlüssel war die Neubesetzung der Bereichsleitung Marketing und Kommunikation mit Catherine Zimpfer. Dieser Bereich funktioniert als Scharnier und Schnittstelle zwischen der Standortförderung und der Tourismusabteilung. Wichtig war, dass wir dem Bereich Marketing und Kommunikation eigenständige Aufgaben gegeben haben. Er hat nun die Funktion, Winterthurer Erfolgsstorys nach aussen zu portieren. Dafür bauen wir eine digitale Infrastruktur. Wir haben uns nun auch personell verstärkt, damit wir solche Geschichten aufspüren und über unsere Kanäle verbreiten können.
Wie bewerben Sie Winterthur als Tourismusdestination?
Wir haben nun zum Beispiel einen Werbefilm gedreht für das Technorama, eines der vielen attraktiven Aushängeschilder von Winterthur. Der Film wird im grossen Stil in der ganzen Schweiz und im süddeutschen Raum gezeigt. Davon erhoffen wir uns noch mehr Wochenendtouristen, die in Winterthur tendenziell zugenommen haben.
In Bezug auf die Standortförderung musste Winterthur Rückschläge hinnehmen, denn einige Grossfirmen sind aus Winterthur weggezogen. Wie schätzen Sie diese Situation ein?
Unternehmen wie Wärtsilä oder Zimmer Biomet sind internationale Grossfirmen, die nach anderen Kriterien entscheiden als solche, die wir als House of Winterthur beeinflussen können. Leider haben wir in Winterthur ein Handicap bei den Steuern. Damit meine ich weniger die städtischen Steuern, sondern die kantonalen. Natürlich ist es auch schlecht, dass wir innerkantonal nun hinter Zürich und anderen Gemeinden sind. Aber das Hauptproblem sind die Unternehmenssteuern des Kantons Zürich, die im Vergleich zu anderen Kantonen wie etwa Zug hoch sind. Dazu sind die Zürcher Steuerbehörden weniger flexibel und pragmatisch wie jene von anderen Kantonen. Darauf haben wir wenig Einfluss. Die Stadt Zürich kann diese Nachteile mit ihrer Zentrumsfunktion auffangen, Winterthur nicht. Deshalb müssen wir anderweitig punkten. Winterthur hat eine hohe Lebensqualität, mit der Nähe zur ETH, den Universitäten Zürich und St. Gallen sowie der ZHAW ein grosses Angebot an qualifizierten Fachkräften. Zudem gibt es attraktive Büro- und Gewerbeflächen, die zu erschwinglichen Preisen rasch verfügbar sind. Dies müssen wir ansiedlungswilligen Firmen noch besser kommunizieren.
Was sind die Überlegungen dabei?
Die grosse Frage, die ich für mich selber noch nicht beantworten konnte, ist, ob wir Winterthur eigenständig bewerben sollen oder als Teil von Zürich. Wir müssen ehrlich sein: Wir sind mit der Stadt Zürich eng verbunden. Viele Winterthurer arbeiten dort und viele Stadtzürcher hier. Das ist ein Markt. Man könnte Winterthur als Teil von Zürich denken, auch wenn das für einige emotional schwierig ist. Die ehemalige Stadträtin Barbara Günthard-Maier hat aber diese Brücke schon mal angedacht, indem sie Winterthur als Brooklin von Zürich bezeichnet hat. Vielleicht müssen wir uns den New Yorker Stadtteil mal vor Ort anschauen (lacht).
Interview: Michael Hotz
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