Goldjungs
Cyrill Koller und Ian Hofer holen an der Berufsweltmeisterschaft die Goldmedaille.
Vorne italienisch, hinten deutsch; ein Buch, zwei Sprachen. Ruth Bucci-Baumer präsentiert stolz ihren autobiographischen Roman. Foto: z.V.g.
Eine Suche nach Identität zwischen Tisch und Stuhl, zwischen der Schweiz und Italien: Ruth Bucci-Baumer hat den Lockdown genutzt, um die ersten 48 Jahre ihres Lebens in einem Buch festzuhalten – in zwei Sprachen.
Rickenbach «Im Alter von fünf Jahren lebte ich mit meinen Grosseltern in einem wunderschönen Haus umgeben von einem grossen Garten voller Blumen und Gemüse. Ich war sorglos und glücklich über die Zuneigung, die mir diese beiden alten Leute entgegenbrachten.» Es sind die ersten Zeilen des auto-
biografischen Romans, den Ruth Bucci-Baumer während des Lockdowns geschrieben hat. Das Buch erzählt ihre eigene Geschichte, eine, die schon bald nicht mehr so «sorglos und glücklich war». Es begann mit der Scheidung der Eltern und dem neuen Mann an der Seite ihrer Mutter. Die erst fünfjährige Ruth wollte wissen, zu welcher Familie sie denn gehören würde. «Es tut mir leid, Mädchen, du landest zwangsläufig ‹zwüsched Stüel und Bänk›», sagte ihre Mutter. Zu diesem Zeitpunkt verstand sie zwar noch nicht, was diese Antwort zu bedeuten hatte, doch im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass es immer wieder Situationen gab, in denen sie nicht wusste, wohin sie gehörte: Als sich die neue Frau ihres Vaters dafür schämte, dass dieser schon einmal verheiratet war, und von Ruth deshalb verlangte, ihn in der Öffentlichkeit Onkel zu nennen etwa, oder als sie einen Italiener heiratete und es für sie schwierig wurde, sich im Kontext der italo-schweizerischen Mentalität zu verhalten.
Der Roman beschreibt den Werdegang einer jungen Frau, die nach einer von Entbehrungen geprägten Kindheit versuchte, ein Leben ausserhalb ihrer Familie aufzubauen. Zusammen mit ihrem Ehemann überwindete sie viele Hindernisse, bis sie sich schliesslich in Lunigiana, im Norden der Toskana, niederliessen. «Es war meine zweite grosse Liebe», sagt Ruth Bucci-Baumer heute. «Diese Gegend zwischen Meer und Bergen ist einfach unglaublich schön.» Zehn Monate wohnten sie in einem grossen Bauernhaus, das sie selbst renoviert hatten, als ihr Mann bei einem Velounfall tödlich verunglückte. Auf das inständige Bitten ihres Sohnes sei sie daraufhin in die Schweiz zurückgekehrt. «Allerdings fühlte ich mich einsam und kehrte nach einem Monat in die Heimat meines Gatten zurück.» Und zum ersten Mal fühlte sie sich nicht mehr «zwüsched Stüel und Bänk», sondern fand einen Platz, «wo ich ein neues Leben beginnen werde». Mit diesen Worten endet das Buch – nicht aber das verrückte Leben von Ruth Bucci-Baumer.
Heute ist sie 71 Jahre alt. Und hat in den 22 Jahren, in denen sie in Italien lebte, so viel erlebt, dass sie ohne Probleme ein zweites Buch schreiben könnte. So arbeitete sie im Nachbarland als Touristenführerin, gab Kurse in ihrem Bauernhaus und reiste jährlich für mehrere Monate nach Thailand, um dort mit Waisenkindern kreativ zu arbeiten. Letzteres tut sie nach wie vor. «Mal schauen, ob es eine Fortsetzung geben wird», sagt Ruth Bucci-Baumer lässig. Der Gedanke, ihren Werdegang mit der Öffentlichkeit zu teilen, schwirrte schon lange in ihrem Kopf herum. Während der Pandemie blieb nun endlich die Zeit dazu, die Idee in die Tatsache umzusetzen und eine Autobiographie zu schreiben – und zwar gleich in zwei verschiedenen Sprachen.
«Caduta tra tavolo e sedia» heisst der Titel auf Italienisch. «Es ist die schönere Sprache, um sich auszudrücken», findet die gelernte Fotografin, die sich später zur Aktivierungstherapeutin umschulen liess. Deshalb sei es ihr zu Beginn auch leichter gefallen, die italienische Version zu verfassen, auch wenn sie die Sprache nicht perfekt beherrsche. Anschliessend einen Verlag zu finden, der beide Fassungen in einem Buch drucken würde, war nicht ganz einfach. Und auch bei der Wahl des Covers tat sich die gebürtige Winterthurerin anfangs schwer. Steinbänke, wie vom italienischen Verlagshaus vorgeschlagen, empfand sie als zu hart, so machte sie selbst eine Skizze, die dann eine befreundete Malerin perfektionierte. Bewusst liege die Schweizer Flagge auf dem Tisch und die italienische auf dem Stuhl, wie die Autorin erklärt. «Ich bin vom Tisch gefallen und dann auf den Stuhl, nach Italien, gekrochen.»
Mittlerweile lebt Ruth Bucci-Baumer wieder in der Schweiz, in der Nähe ihres Sohnes und den beiden Enkelinnen in Sulz bei Rickenbach. Den Roman hat sie unter anderem auch für sie geschrieben. Trotzdem fühle sie sich nach wie vor mit beiden Orten sehr verbunden, besitzt beide Pässe und sagt überzeugt: «Ich bin beides, Schweizerin und Italienerin. Und nicht mehr ‹zwüsched Stüel und Bänk›.»
Von Ramona Kobe
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